Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeüung.
1850. — M 63.
Des Kaisers Vorreiter.
(Fortsetzung.)
In Durlach gab uns Stalldienern und den Garde, kosaken der Großherzog von Baden auch einmal im Schlosse ein großes Gastmahl, bas war prächtig! Wir schmausten lauter gute Gerichte bis Abends sieben Uhr, dann mußten wir Alle hinunter vor's Schloß und in einer schönen Allee uns in zwei Reihen aufstellen und unsere russischen Gesänge anstimmen, in denen wir förmlich einererzirt waren. Das dauerte fast eine Stunde und die Kaiserin sah mit dem Großherzoge und den beiden Großfürsten zu den Fenstern des Schlosses heraus und hörten zu. Dann mußten wir wieder hinauf in einen großen Saal, wo wir zu trinken bekamen und fast bis Mitternacht zechten, so daß Mancher wacklig nach Hause ging. Nachdem wir vielleicht vierzehn Tage dort gewesen waren, ging es rasch und fast in einer Tour nach Moskau, wohin der Kaiser, welcher von England zurückgekehrt war, von Petersburg aus auch kam.
Da ich das Leben aber nach und nach satt bekam und es mir in Rußland nicht gefiel, benutzte ich einmal die Gelegenheit, den Grafen Dolstoiow um meinen Ab, schied zu bitten; der wollte aber nichts davon wissen, sondern schlug mir vor, in seine Dienste zu treten und auf einem seiner großen Güter oberster Verwalter zu werden und bot mir einen großen Gehalt mit vielen Versprechungen an. Doch es zog mich in's Vaterland zurück und da der Befehl kam, daß wir mit dem Kaiser nach Wien zu einem großen Kongreß reisen sollten, so erbot ich mich, lieber noch in den Kaisers Diensten zu bleiben, weil ich doch dadurch meiner Heimalh um ein Stück näher kam. So fuhren wir denn von Moskau nach Wien, das war kein kleines Stück Weg, und in Wien blieben wir beinahe ein halbes Jahr. Dort gefiel
es mir ausnehmend und da gab es, weil so viele Po, tentaten und Herren da versammelt waren, viel zu sehen und ich lernte die schöne Stadt bald inwendig und auswendig kennen. Jetzt aber kam auf einmal die Schreckens, Nachricht: Der Bonaparte sey von der Insel Elba ent, flohen und marschire auf Paris los, und es kam die Ordre, wieder auf den Rhein zu loszufahren. Das Ding aber hatte ich vom ersten Male her noch satt und mochte nicht noch einmal in das Kriegsgetümmel hinein, darum bat ich dringender als zuvor den Grafen Dolstoiow um meinen Abschied, den er mir endlich auch schriftlich gab, und welchen ich mir auch noch zum Andenken auf, gehoben habe.
Mit einer recht hübschen Summe in blanken Dukaten, die ich in meiner Weste und Jacke eingenäht hatte, reiste ich nun in meine Heimath zurück, und als ich zum ersten Male den sächsischen Boden hinter Karlsbad wieder unter meinen Füßen hatte, war es mir wie im Himmel und ich hätte die Bäume umarmen mögen. Meine Eltern waren gestorben, schon ehe ich in Alexanders Dienste trat und da ich mir bereits vorher Etwas erspart hatte, so kaufte ich mir hier das Gütchen, das mir gefiel und gerade feil war. Ich heirathete und der liebe Gott hat es mir immer wohl gehen lassen. Weil ich die Welt gesehen hatte, mit Leuten umzugehen wußte und auch etwas schreiben konnte, wurde ich spâ, ter zum Richter gemacht und habe das Amt bald zwanzig Jahre verwaltet; als aber meine Frau vor etlichen Jahren starb, so habe ich mein Gut meinem ältesten Sohne übergeben und lebe nun als alter Auszügler in einem Nebengebäude; übrigens bereue ich es nicht, daß ich damals in russische Dienste trat; ich habe doch so Manches gesehen und erlebt, was mir heute noch lieb ist, und ich konnte in den ersten Jahren nach meiner Rückkehr den Leuten nicht genug erzählen, denn es ist