Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. 56.

Jack, der Pferdehändler.

Eine schottische Sage, zum Nutz und Frommen der Deutschen erzählt von Franz PulSzky.

Die Sage vom Rothbart im Kyffhäuser steht nicht vereinzelt da in der Volks-Poesie, wir finden im Süden und Norden Europas's verwandte Sagen. So wie Kaiser Friedrich im Innern des Berges schläft, bis end­lich ein Bauersmann die deutsche Fahne entfaltet und die Raben nicht mehr krächzend um den Kyffhäuser her­umfliegen , dann aber hervortreten wird, mit dem Schwerte gegürtet, um Deutschland in voller Macht und Glorie herzustellen , so schläft auch Marko, der Königs­sohn, in den Gebirgen Serbiens. Wenn einmal das Schwert, das er in das adriatische Meer hineingeworfen hat, durch die Flut anS Laud gespült wird, und in die Hände eines Helden geräth, dann bricht Marko aus dem Gebirge heraus, und gründet daS große Slawen­reich im Süden. In den Grampian-Gebirgen aber, in Hochschottland, sammelt Thom der Reimer seine Rit, ter und wartet, bis der rechte Mann kommt, dem die britischen Inseln gehorchen sollen.

Als vor anderthalb Jahr der Reichsverweser von seinem steirischen Bauernhöfe nach Frankfurt gerufen wurde, da glaubte Jedermann in Deutschland, der Zau­ber sey gelös't, der den alten Rothbart im Kyffhäuser festhält; Jedermann erwartete den deutschen Kaiser mit dem Heldenschwert an der Seite, und in Frankfurt wur­den schon die Tische zum KrönungSmahle vorbereitet; es stellte sich aber bald heraus, daß der Reichsver­weser doch im Grunde nur ein Erzherzog sey , kein rech­ter Bauersmann, und die Raben, die aus ganz Deusch- land zusammengeflogen waren, krächzten so heiser durch einander, daß Kaiser Friedrich, der sich schon von sei­

nem steinernen Sitz erhoben hatte, plötzlich wieder in seinen eisernen Schlaf zurück sank.

Auch im Süden ging die Sage, die Oguliner hät­ten ein alterthümliches Schwert an der Küste gefunden, und dem Ban Jellachich zum Geschenk gebracht; der ganze slawische Süden gerieth in Bewegung, und im Gebirge wollte man den gewaltigen KönigSsohn selbst schon gesehen haben. Aber Jedermann überzeugte sich bald, daß der Ban , der sich mit dem Schwerte Marko's gegürtet hatte, zufällig kein Held sey, sondern nur ein Höfling, und die Bewegung legte sich wieder Marko schläft ruhig fort. Auch Thom der Reimer, der im vo­rigen Jahrhundert sich so oft erhoben hatte, regt sich seit der Schlacht von Kulloden Moor kaum mehr, nur von Zeit zu Zeit gibt er noch ein Lebenszeichen, damit man seiner nicht ganz vergesse.

ES begab sich im Sommer 1848, daß Jack, der be­kannte hochländische Pferdehändler, vom Markte in Fort William nach Hause kehrte; er hatte seine Pferde nicht alle verkaufen können und ritt, da er sich im Wirths­haus etwas verspätet hatte, in der Dämmerung gegen den Ben Nevis. Ehe er noch am Berge vorbei kam, war eS ganz finster geworden; da er aberden Weg wohl schon hundert Mal gemacht hatte, so ritt er ohne Furcht weiter. Er wunderte sich sehr bald, daß sein sicherer Rappe sich scheute, doch als ein fahler Mondstrahl die Gewitterwolken für einen Augenblick durchbrach, schien es ihm selbst, er habe den Weg verfehlt: der Pfad wand sich plötzlich steil in die Höhe und führte an einer Felsen­wand vorbei, die Jack nie früher bemerkt hatte. Der Pferdehändler hatte wohl, ehe er den Mark verließ, dem schottischen Whiskey stark zugesprochen, aber er wurde plötzlich nüchtern und sah sich besorgt um. Zu seiner größten Freude erblickte er kaum fünfzig Schritte vor sich eine dunkle Gestalt, die ihm entgegen kam; eS mußte