Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1850. — Jf 52.
Die Heimkehr.
I heran, und mit ihr zugleich der Tag, an dem der Erlöser der Menschen zum erstenmal das Licht der Welt erblickt, . und wie die heiligen drei Könige aus dem Morgenlande j das unschuldige Kindlein schon in der Wiege mit ihren ^reichen Gaben beschenkten, so hat sich auch diese sinnige Sitte fort und fort gepflanzt, und in aller Welt, wo Christen wohnen, den bleibendsten Nachklang gefunden, und selbst die ärmste der Mütter würde es nie wagen, von dieser schönen Satzung abzugehen. Und, ach! wie hatte sich Mathilde in ihrer früheren, glücklicheren, und. selbst in ihrer späteren, schwerbedrängten Lage, immer königlich gefreut, wenn die Tage der heiligen Weihe der Kindheit herangekommen waren; wie hatte sie da mit sorglicher, unaussprechlicher Mutterliebe allen ihren lieben Kleinen mit eigener Hand immer eine Gabe bereitet, jedes derselben mit gleicher Liebe, mit gleicher Gluth umfassend; und jetzt, jetzt hatte sie fast nicht einen Biffen Brod, um den Hunger ihrer Lieben zu stillen!! — Namenlos war der Schmerz der liebenden Mutter; krampfhaft ergriff es ihr Herz, diejenigen mit ihr leiden zu sehen, für die sie ihr eignes Herzblut so willig, so freudig hingegeben hätte; da trat Louise zu ihr, selbst von Allem entblööt, und flüsterte ihr, unbemerkt von ihren Kindern, in's Ohr: „Sie wolle hingehn zum Oktroi-Erheber und ihn bitten, er möge, in Anbetracht der traurigen Lage der Familie seines Kontroleurs, von dem erst am 1. Januar 1814 fälligen kleinen Gehalte desselben einige Thaler als Vorschuß verabreichen," — und, ihren Stolz niederkämpfend, mit der höchsten Verzweiflung ringend, hatte sie endlich zugesagt, mit thrä, nenden Augen dem lieblichen Mädchen nachblickend, von ihrem Gange die einzige Rettung erwartend! —
Lange blieb Louise aus; finster war es bereits geworden, und mit namenloser Ungeduld erwartete die Mutter ihre Wiederkunft! — Da trat sie in'ö Zimmer,
(Grenzboten)
Mathilde, zu stolz, in ihrer bedrängten Lage irgend Jemand um Rath und Hülfe anzusprechen, zu zartfühlend, um irgend einem Menschen in dieser schwerbedrängten, von Krieg und Krankheit schrecklich heimgesuchten Zeit mit ihrer Noth beschwerlich zu fallen, hätte jetzt einsam und verlassen dagestanden, ein Raub der gränzenlosesten Verzweiflung, hätte nicht ein einziges Wesen, ein junges, liebliches Mädchen von achtzehn Jahren, ihr wie ein schützender Engel zur Seite gestanden und wäre ihr nicht in ihrer hülfloscn Lage mit Hingebung und Ausdauer an die Hand gegangen. Gleiches Schicksal mit Mathilden theilend , that es auch ihrem Herzen endlich wohl, ihren Kummer in einer zartfühlenden Brust niederzulegen, und mit ihr zu weinen und zu dulden!
Sie, die einzige Tochter einer armen, bejahrten Wittwe, hatte früh schon ihr Herz einem Jüngling zugewendet, der brav und bieder wie irgend einer war, der aber leider noch keine eigentliche Versorgung besaß. Die Chirurgie hatte sich derselbe zu seinem Studium erkoren, und er konnte stolz darauf seyn, etwas in diesem Fache gelernt zu haben, allein noch fehlte ihm die eigentliche Praxis. Durch die öffentliche Aufforderung ebenfalls angespornt, war er mit Mathilden'S Gatten als Unter-Arzt nach Erfurt gezogen, und ward, gleich thm, in feinen Mauern festgebannt. Louise, so hieß das herrliche Mädchen, hatte nun seit jener Zeit jeden freien Augenblick benützt, Mathilden in ihrem häuslichen Wirken beizustehen und ihr oft manche Gabe freundlich dargereicht, die sie zuvor mit ihrer Hand erworben; doch Alles dieses reichte nicht mehr hin, der armen Frau aus ihrer Noth zu belfen, denn immer größer wurde jetzt der Mangel. So kam denn auch die Heil'ge Weihnachtsfeier