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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. Jf 51

Die Heimkehr

Kommandanten mehrmals aufgefordert, die Stadt und Festung Erfurt ihrer Macht zu übergeben, doch muthig wies er jeden Antrag solcher Art zurück, mit Stolz und Uebermuth die Antwort gebend, daß nur der Weg in diese Stadt über seinen Leib zu finden sey ?

Mit aller Macht und Anstrengung wurden nun von dem preußischen Oberbefehlshaber die gegen die Stadt und Festung Erfurt gerichteten Belagerungs-Arbeiten in Angriff genommen; Laufgräben eröffnet, Schanzen auf­geworfen, Batterien aufgefahren, Sturmwerkzeuge herbei­geschafft , und ehe noch einige Wochen vergangen, eine solch' mörderische Kanonade begonnen, wie sie Erfurt wohl noch nie erlebt, denn waren auch die hierzu ver­wendeten Geschütze hauptsächlich gegen die beiden Cita­dellen, Petersberg uckd Cyriaksburg, gerichtet, so konnte es dennoch nicht vermieden werden, daß auch die Stadt hierbei in unendlichen Schaden gerieth. Auf die Haupt- Zitadelle, den Petersberg, ganz nahe an der Stadt gele­gen, nur durch einen Graben und die Festungswälle von den Häusern der Stadt getrennt, war vor Allen! daS Hauptaugenmerk der preußischen Belagerungkgeschütze hingewiesen, und so kam es denn, daß auch viele Gra­naten, Bomben und Kanonenkugeln die Häuser der Stadt berührten, diese in Brand steckten und hoch ihre verzeh­renden Flammen zum Petersberg hinaufwirbelten, so daß die Belagerer dadurch irre geführt, nicht anders vermein­ten, die Zitadelle selbst sey in Brand gerathen, und un­ablässig spielten nun die Geschütze auf jenen Punkt und legten hier über dreihundert Häuser in Schutt und Trüm, ; mern I Helbenmüthig hatte auch der französische Komman- I dant das Feuer der Feinde erwidert und mit seinen Ku- geln manche Batterie der Preußen zu Grunde gerichtet, doch von allen Seiten hart gedrängt, wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen, die Stadt und Festung nur noch einige Stunden zu halten, wäre nicht auf einmal das

(Grenzboten)

Furchtbar hatte der Kampf auf Deutschlands Fluren gewüthet; mit abwechselndem Glücke hatten sich die Feinde lange Zeit geschlagen; mehrmals vorgedrungen und mehr« mals wieder zurückgedrängt, hatte Napoleon endlich den Entschluß gefaßt: Durch Heranziehung aller seiner streit­baren Truppen auf Leipzigs Gefilden eine Schlacht zu schlagen, die entscheiden sollte, ob Er oder die Andern berufen seyen, die Geschicke Europas zu lenken! Am 17. Oktober des Jahres 1813 begann der Kampf auf's Neue; über eine halbe Million von Freiheit und Vater­landsliebe begeisterter, von Haß und Verzweiflung er­füllter Streiter standen sich hier gegenüber; drei Tage und drei Nächte wüthete der gräßliche Engel des Todes mit nie erhörter Grausamkeit; lange schwankte des Ge­schickes unabwendbare Gewalt hin und her, da durch­brachen endlich die Streiter der vereinigten Mächte He Reihen des schon siegberauschten Despoten, Alles vor sich niederwerfend, und unaufhaltsam flohen die Besiegten dem fernen Strand des Rheines zu. Durch Erfurt ging die ganze Retirade, und noch war nicht der letzte Mann hindurch, so war auch schon die ganze Stadt vom Feinde rings umschlossen.

Wer beschreibt nun den Jammer der liebenden Gat­tin, der verlassenen Kinder, als sie erfuhren, daß Erfurt belagert und in seinen Mauern auch ihr Ernährer mit eingeschloffen war. Der Verzweiflung, dem höchsten Elend preisgegeben, hatte Mathilde immer noch gehofft, daß es ihrem Gatten vielleicht dennoch gelungen seyn könnte, vor der Schließung die Stadt verlassen zu haben; doch Tage, ; ja Wochen vergingen und von ihm kam keinde Kunde.

Auf's Engste von allen Seiten eingeschlossen, hatten die preußischen Belagerungstruppen den französischen