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empfing ihn mit stürmischen Eljen, unser Zirkel öffnete sich, er trat in die Mitte und eine feierliche Stille legte sich auf die erwartende Menge, man konnte das Summen einer Fliege hören. Der Dâmmerglanz des Abendhim­mels legte einen feierlichen Schimmer über die verhäng- nißvolle Szene, welche jetzt anfing. Bem begann sogleich mit diesen Worten in seinem gebrochenen Deutsch: Meine Herren, ich komme im Namen der Regierung und in meinem eigenen Namen als Oberkommandant zu Ihnen, ich fordere auf alle Kommandanten der Bataillons, der Eskadrons und der Batterien, morgen früh 6 Uhr sich schlagfertig zu halten, um gegen Siebenbürgen nach Dobra zu ziehen.--Hier unterbrach ihn ein Oberst, ein hochgewachsener Mann mit ausdrucksvollem Gesicht und schwarzem Bart, aus dem Kreise heraus und auf ihn zutretend: Herr Feldmarschall-Lieutenant, wir kennen keine Regierung. Die Regierung hat uns schändlich ver­lassen, sie hatte nicht die Kraft, .das Werk auszuführen, welches wir so glorreich begonnen, und sür welches wir mit unserm Herzblut eingestanven haben. Sie hat das Heer in der fruchtbarsten Gegend verhungern lassen, hat nicht nur Mangel an Energie gegen den äußern Feind gezeigt, sondern auch Unfähigkeit, die Kräfte des Landes, welche sich ihr so reichlich darboten, zu benutzen. Sie hat sich der großen Aufgabe, die ihr das Schicksal stellte, unwürdig gezeigt. Darauf sagte Bem kurz und barsch: Aber warum laufen Sie denn? Kämpfen Sie, und das Heer wird Brod haben; ein flüchtiges Heer hungert immer, ein stegendes Heer ist immer satt.

Der Säbel des Obersten klirrte auf den Boden: Um Vergebung, Herr Feldmarschall-Lieutenant, daS ist eine Beleidigung, die wir nicht verdienen. Wir haben tapfer gefochten, wir haben selbst alle Entbehrungen freudig er­tragen, aber gegen eine solche Uebermacht, und bei dem Mangel aller Lebensmittel mußten wir geschlagen werden. Jetzt trat Vecsey vor: Herr Feldmarschall-Lieutenant, wir gehen nicht nach Dobra, wir folgen der Aufforde­rung Görgey's, wir gehen über die Maros. Bem sah Vecsey fest an und erwiederte ruhig, fast bedächtig: Meine Herren, ich bin kein Würger, ich bin kein Henker, ich hätte durch mein Amt die Macht, Sie zu zwingen, aber die Sache, für welche wir kämpfen, fordert freie Krieger, ich fordere also nochmals alle Commandeurs der Batail­lons, der Eskadrons und der Batterien auf, sich morgen früh bereit zu halten, nach Dobra zu gehen. Ich habe nie unterhandelt und werde nie unterhandeln, bei Dobra haben wir eine Position, wo wir Monate lang vom Feinde nicht angegriffen werden können, und ich werde im Stande seyn, mit einer Kanone den Weg nach Sieben­bürgen zu sperren, dort wollen wir unS reorganisiren und dann den Feind mit erneuter Kraft angreifen und schla­

gen. Glauben Sie nicht, daß wir schwach sind, wir find noch stark, ja mächtig, wenn wir wollen und es wäre eine Schmach, sich mit 40,000 Mann zu ergeben. *) Da fiel Vecsey ein und rief mit Erbitterung: Aber ich bitte, Herr Feldmarschall-Lieutenant, wie denken Sie Ihr Heer zu verpflegen? In dem ausgehungerten Sieben­bürgen werden Sie doch wohl keine Lebensmittel für das­selbe finden. Und der Feind rückt uns auf dem Fuße nach und sperrt die Zufuhr auf allen Seiten. Darauf Bem: Wenn der Walach das ganze Jahr hindurch von Kukuruzbrod leben kann, so wird doch ein Soldat, der für die heiligste Sache der Menschheit kämpft, bei derselben Kost leben können. Ich werde, wie immer, dem Heere mit meinem Beispiel vorangehen, und die meiner Mei­nung sind, werden mir folgen. Thun Sie also, fwie Ihnen gut dünkt. Gute Nacht, meine Herren! Mit diesen Worten schritt er nachlässig grüßend auS dem Kreise, bestieg seinen Wagen und fuhr davon. Die Honved's von Vecsey's Lager aber riefen ihm stürmische Eljen nach. Die Armen wußten noch nicht, wie es mit ihnen stand.

(Schluß folgt.)

Literatur.

tt Das Wesen und der Beruf der deutschen Literatur, von Dr. L. Blum. Schluß.

Wir wollen in einem Sprunge zu den Heroen, den Begründern oder besser den vollendetsten Trägern unserer klassischen Literatur schreiten. Die Männer schlugen so starke Töne, daß ihr Klang noch vernehmlicher in unsern Ohren klingt als jene, an die wir eben erinnerten, die aber um so starker angeschlagen werden müssen, als sie zur Erneuung des germanischen Wesens in unsrer Zeit beizutragen berufen sind und ewig bleiben werden; wie man denn auch mit besonderer Liebe den Schatz tiefer Poesie, wie er in den gleich und nachzeitigen Dichtungen des Nibelungenliedes geborgen liegt, an'S Licht zu fördern beflissen ist. Besonders dankenSwerth sind in dieser Hin- sicht Vilmar's Bestrebungen. Ueber diese zwei Sterne, die an unsrem literarischen Himmel mit gleich hellem und unvergleichlichen Glanze strahlen, sagt Blum:In einem überlieferungsreichen Theile Deutschlands geboren, gewann Goethe durch seine Anschauungskraft bald die Stärke, von allen spannenden Eindrücken, so tief, so stark sie ihn auch bewegten, selbst von Schmerz und Qual sich zu befreien, indem er sie zu Gegenständen seiner schaffen­den Phantasie erhob. Ausgerüstet mit geschichtlicher Kraft

*) Die Zahl war nicht sehr übertrieben, die vereinigten Korps zählten noch an 30,000 Mann und stündlich schloffen sich neue Häuflein von Flüchtlingen dem Groß an.