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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. 49.

Die Heimkehr

(Grenzboten)

Mehrere Jahre waren vergangen, doch in der trau­rigen Lage der unglücklichen Gatten hatte sich wenig verändert, nur daß der Segen des Himmels in seiner Fülle noch nicht nachgelassen, und mit zwei kräftigen Knaben den Kreis ihrer Familie noch erweitert hatte. Gefaßt und in den Willen des Höchsten still ergeben, entschlüpfte dem Munde Mathilden's keine Klage; neben der Sorge für's Haus und ihre Kleinen, arbeitete sie emsig und unverdrossen in nächtlicher Weile für frem­der Leute Lohn, und die in ihrer Jugend erlernte Ge­schicklichkeit in feinen weiblichen Arbeiten kam ibr dabei ganz herrlich zu statten, nur war es zu bedauern, daß eS auch hier gar bald an ständiger Beschäftigung gebrach, denn das Bedürfniß an solchen Waaren war in diesem kleinen Städtchen gar zu bald befriedigt. Durch Abschrei, ben für Kauf- und Handelsleute, für Advokaten und auf der Bürgermeisterei erwarb sich Mathilden's Gatte wohl manchen blanken Thaler, doch alles dieses reichte bei weitem nicht aus, denn mit der Zahl feiner Familie wuchsen auch die Sorgen für dieselbe, und so hatte er stets mit Mangel und Kummer zu kämpfen, doch end­lich schien auch ihm wieder ein freundlicher Strahl der Hoffnung zu leuchten, denn durch die Vermittelung deS Bürgermeisters, eines sreundlichen, wohlwollenden Man, nes, wurde ihm jetzt eine Stelle zu Theil, die, wenn auch nicht aller seiner Noth ein Ende machte, ihm doch die Last der Sorgen um seine Lieben in etwas erleichterte. Der alte städtische Oktrvi-Kontroleur war mit Tod ab­gegangen und er an dessen Stelle als Controleur ernannt. Freie Wohnung in einem alten, mitten im Städtchen auf einer Anhöhe erbauten Schlosse, ein fixer Gehalt und ein Antheil an den Tantiemen, waren die Gratifi­

kationen für seine Bemühungen, und da diese nicht viel Zeit in Anspruch nahmen, so ertheilte er noch Unterricht im Rechnen und Schreiben, in Französisch und Latein, und wenn auch nicht reichlich, so konnte er doch von jetzt an wieder so ziemlich die Bedürfnisse der Seinen bestreiten.

So war das Jahr 1812 herangekommen, und mit ihm neuer Lärm und Waffengetöse, neuer Jammer und Elend über bas vom fremden Joche tiefgebeugte deutsche Vaterland, denn Napoleon, vom Sieges-Taumel berauscht, nicht zufrieden mit den bereits gemachten Eroberungen, wälzte jetzt seine unabsehbaren Schaaren dem fernen Norden zu, um auch dort die stolzen Adler auszupflanzen, und Einquartierungen folgten nun auf Einquartierungen auch in dem kleinen Städtchen, und zwar in solchen Massen, daß selbst der ärmste der Bewohner desselben nicht verschont blieb, und so kam es denn, daß auch un­sere bedrängte Familie eine Menge der fremden Gäste mit allem Nöthigen versorgen mußte, an dem sie selbst gar oft den größten Mangel litt. Stets freundlich und zuvorkommend gegen die, oft mit dem brutalsten Ueber# muth auftretenden kaiserlichen Truppen, wäre es doch einstmals zwischen ihnen und Mathilden's Gatten fast zu blutigen Szenen gekommen, wäre nicht noch zu rechter Zeit ein eben so menschenfreundlicher als gebildeter französi­scher Kapitän dazwischen getreten, und hätte die Wüthen­den zur strengsten Ordnung zurückgewiesen. Zwei rohe, wüste Gesellen deS französischen 36. Jnfantcrie-RegimentS, welches damals gerade in diesem Städtchen auf einige Tage der Ruhe pflegte, hatten zuerst der schönen, freund­lichen Mathilde auf alle mögliche Weise nachgestellt, und als sie endlich von dieser mit gerechter Entrüstung in die gehörigen Schranken zurückgeschreckt, da- fingen sie an, sie und ihren Gatten, bei welchen sie im Quartier lagen, auf alle mögliche Weise zu quälen; kein Essen, kein Ge-