Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — Jf 48.
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Die Heimkehr
Erzählung von Wilhelm Jungmann.
Von dem brausenden Sturme der gewaltigen Ereignisse des vergangenen und des vorhergehenden Jahres auf's Tiefste ergriffen; von der freudigsten Hoffnung auf's Neue durchglüht, daß unser großes, einst so mächtiges liebes deutsches Vaterland wieder eintreten werde in die Reihe großer ungetheilter Staaten; von der erhabenen Idee getragen, daß dadurch auch für seine Bewohner Heil und Segen wieder erblühen und gedeihen werde, war cs nicht zu verwundern, wenn auch meine Feder ruhte, wenn auch mein Geist stch nicht entschließen konnte, in die tändelnden Träumereien schmachtender Liebesgeschichten Hinüberzuschweifen, der Herzen Weh und Wonne mit kräftigen Strichen zu zeichnen, und dann, von Glück und Seligkeit berauscht, zwei treu sich Liebende in den bergenden Hafen des nicht immer glücklichen Ehestandes hineinzulaviren! — Die Stürme sind verrauscht, die Hoffnung ist entschwunden, ob für immer? liegt tief im Schooße der Zukunft verborgen; — langsam, wennauch mit tief verwundetem Herzen, kehrt Jeder wieder zu seiner alten Weise zurück; und so ergreife auch ich nun wieder die Feder, und schreibe, wenn auch nicht von Freiheit, Macht und Größe des lieben deutschen Vaterlandes, doch von Kummer und Sorgen, Wonne und Glück einiger seiner Bewohner, und zwar aus jener früheren Zeit, wo Volk und Fürsten sich vereinten, den gemeinsamen Feind vom deutschen Boden zu verdrängen.
In jener großen, verhängnißvollen Epoche, wo der korsische Usurpator mit seinen sieggewohnten Schaaren durch Deutschlands Gauen gezogen und den russischen Koloß mit seinem ehernen Fuße zu zermalmen drohte, lebte in einem kleinen Städtchen, ohnweit der französischen, mitten in Deutschland gelegenen Stadt und Festung Erfurt, ein Mann, der mit den Sorgen des
Lebens schon reichlich bedacht, obgleich er noch nicht so viele der Jahre durchlebt und das sechsunbvreißigste vor Kurzem erst zurückgelegt hatte.
In einer entfernteren Gegend des deutschen Reiches geboren, hatte derselbe schon frühe die Heimath verlassen, war mit Kenntnissen tüchtig ausgerüstet, als kräftiger, wohlgestalteter Jüngling in dieses Städtchen eingezogen, und hier so glücklich, bei einem wohlhabenden Fabrikanten Brod und Unterkunft auf seinem Comptoir zu fin, den. Durch Fleiß und pünktliche Pflichterfüllung hatte er sich bald das Vertrauen, durch vielseitige Kenntnisse die Achtung seines neuen Prinzipals, durch seine Bildung und äußere Ausstattung aber auch bald die Liebe der einzigen Tochter desselben erworben, und ehe drei Jahre vergangen, war er Compagnon des Hauses und der glückliche Gatte der eben so schönen als tugendhaften Mathilde.
Mehrere Jahre waren den Glücklichen in ungetrübtester Heiterkeit dahingeschwunden, und in der unbedingtesten Liebe und Zuneigung Eines gegen den Andern fan, den sie die Wonne des Zusammenseyns. Reichlich hatte der Segen der Nachkommenschaft sich über sie ergossen ; vier blühende Knaben und ein liebliches Mädchen hatte das Band der ehelichen Treue nur noch fester geknüpft; da traten auf einmal Verhältnisse ein, die, wenn auch nicht die Liebe der Gatten erschüttern, doch ihre häuslichen Verhältnisse auf's Tiefste umgestalten mußten.
Obgleich nicht zu Neichen zählend, hatte Mathildens Vater doch durch eifrigen Betrieb seines Geschäftes «ich zum wohlhabenden Manne emporgeschwungen; ein in großem Maßstabe aufgeführtes Fabrikgebäude, ein mit allen Bequemlichkeiten, reichlich ausgestattetes Wohnhaus und manchen blanken Thaler baaren Geldes nannte er sein eigen; doch so sollte eS nicht bleiben. Durch den Einfall der französischen Truppen in Deutschland, zuerst