Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — Jf 46.
Memoiren eines Champagnerthalers.
(Fortsetzung.)
Unser Empfänger war zwar schon sehr lange Ge- richtS b e i sitzer, aber nie lange Geld b e fitzer. Sein erster Aktus, den er nun vornahm, war, uns aus dem papier- nen Gefängnisse zu befreien, und mit einem trübseligen Lächeln zu überzählen. Darauf begann er seine Runde zu Schuhmacher, Fleischer, Viktualienhändler, Krämer und andern Abhclfern menschlicher Bedürfnisse. Ueberall wurde er mit offenen Händen empfangen; überall ließ er einige von uns zurück, gab gute Worte und erhielt harte Reden, bat um Geduld und man zeigte ihm das Gegentheil, war demüthig und ward anmaßend behandelt.
Endlich war ich von allen meinen Brüdern verlassen. Ich kam mir vor wie Cooper's letzter „Mohikaner," und mein Besitzer konnte mit Wilhelm Tell von mir sagen:
„Ich habe keinen Zweiten zu versenden."
Er lenkte seine Schritte einem palastähnlichen Gebäude vorüber, welches ich später als Brauhaus kennen lernte. Als dessen Besitzer, welcher sich eben in den Sattel einer englischen Vollblutstute geschwungen hatte, bei meines Inhabers Anblicke sogleich wieder abstieg und ihn auf ein Paar Worte einzutreten bat, da dachte ich in meiner bekümmerten Seele, hier würde ich als letzter Seufzer der geleerten Tasche ausgehaucht werben. Aber anders hatten die hohen Götter beschlossen!
Der stattliche Brauherr war wegen Bierverfälschung und Uebervortheilung des Publikums in Untersuchung und suchte den Beisitzer, seinen Richler, durch Ueberrei- chung einer Summe zu bestechen, die dessen Jahrgehalt bei weitem überstieg. Vergebens! Der Mann glühte für seine Pflicht und wies die Versuchung von sich.
Wir erreichten endlich ein enges, finsteres Gäßchen, aus dessen unansehnlichstem Hause ein neunstimmiger
Chorus erscholl. Es war aber solcher nicht der Kamö« nen-Gesang, sondern das Rufen der Kinder des Gerichtsbeisitzers um Brod.
„Er zählt die Stimmen seiner Lieben, Und steh', ihm fehlt kein theures Haupt."
Ja wohl, seyd ihr mir theure Häupter! seufzte der Mann, welcher mich in der Tasche trug und zu dessen übrigen Titeln nun auch folgender gesetzt werden konnte: „Inhaber eines großen Thalers und mehrerer unsaldirten Rechnungen."
Die neun brodbegehrenden Klagstimmen waren eben so viele artesische Bohrer, welche in seinem Herzen nach edelm Metalle schürften, und mit den Worten:
„Kann ich die Thaler aus der Erde stampfen?
Wächst mir ein Wecken in der flachen Hand?" kehrte er zu einem Bäckerladen zurück, wo er sich neun Brode reichen ließ. Der Bäckermeister, der mich wechseln sollte, gab die verlangten Brode als milde Gabe und behielt mich als Abschlagszahlung der von dem Gerichtsbeisitzer restirenven Schuld.
So war also zwar ich nicht gewechselt worden, sondern ich hatte meinen Herrn gewechselt.
Der neue Besitzer besah mich einigemal auf beiden Seiten, dann sperrte er mich in ein Säckchen voll verschiedener Thalersorten, welches er seinem vor drei Wochen als Candidatus Philosophie auf die hohe Schule gezogenen Sohne in die Residenz schickte.
Der edle Bäckersprößling hatte sich eine eigene Art von Geldbewahranstalt errichtet, welche jungen Leuten mit einer gewissen Lebensweise besonders empfohlen zu werben verdient.
Er öffnete nämlich seine Kommode, warf alle darin befindlichen Artikel seiner Leibschwäche wirr und bunt mit einer Hand durch einander, während er mit der an-