Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

1850. 41.

Niedersächsische Zwergsagen.

(Fortsetzung.)

Der Zwergkönig.

Vor alten Zeiten hat sich in der Gegend um den Hübichenstein bei Grund derGübich sehen lassen. Näm- lich tief unter dem Hübichenstein-, da haben die Zwerge ihre Wohnung, und der Gübich ist ihr König. Er ist rauh von Haar wie ein Bär und hat ein sehr altes Ge, sicht. So hat er sich vor alten Zeiten den Leuten ge­zeigt. Wem er gut gewesen ist, dem hat er vielen Reich­thum bescheert; aber wer ihn beleidigt oder sonst seinen Zorn erregt hat, dem hat er manches Ungemach zugefügt. Er hat auch alle heilsamen Kräuter auf dem Harze ge­kannt, und Manchem dadurch zur Gesundheit verholfen. Aber er hat es nie zugeben wollen, daß Jemand auf den Hübichenstein gestiegen ist?)

Der Gübich ist eigentlich von kleiner Statur, kann sich aber auch sehr ausrecken. Früher hat er alle hun­dert Jahre einmal auf die Oberwelt kommen dürfen; jetzt darf er nicht mehr.

Die Wichtlein.

Die Wichtlein oder Bergmânnlein erscheinen gewöhn­lich wie die Zwerge, nur etwa dreiviertel Elle groß. Sie haben die Gestalt eines alten Mannes mit einem langen Bart, sind bekleivet wie Bergleute mit einer weißen Hauptkappe am Hemd und einem Leder hinten, haben Laterne, Schlägel und Hammer. Sie thun den Arbei­tern kein Leid, denn wenn sie bisweilen auch mit kleinen Steinen werfen, so fügen sie ihnen doch selten Schaden zu, es sey denn, daß sie mit Spotten und Fluchen er­zürnt und scheltig gemacht werden. Sie lassen sich vor-

*) Vergleiche später die SageErsteigung des HübichensteinS."

nehmlich in den Gängen sehen, welche Erz geben, oder wo gute Hoffnung dazu ist. Daher erschrecken die Berg­leute nicht vor ihnen, sondern halten es für eine gute Anzeige, wenn sie erscheinen und sind desto fröhlicher und fleißiger. Sie schweifen in den Gruben und Schachten herum und scheinen gar gewaltig zu arbeiten, aber in Wahrheit thun sie nichts. Bald ift's als burchgrüben sie einen Gang oder eine Aber, bald als faßten sie daS Gegrabene in den Eimer, bald als arbeiteten sie an der Rolle und wollten etwas hinaufziehen, aber sie necken nur die Bergleute damit und machen sie irre. Bisweilen rufen sie; wenn man hinunter kommt, ist Niemand da.

Bisweilen hat man sie in großer Anzahl aus den Gruben heraus- und hineinziehen gesehen. Wenn kein Bergknappe drunten, besonders wenn groß Unglück oder Schaden vorstand*) (sie klopfen dem Bergmann dreimal den Tod an), hat man die Wichtlein hören scharren, graben, stoßen, stampfen und andere Bergarbeitern mehr vorstel­len. Bisweilen auch nach gewisser Maße, wie die Schmiede auf dem AmboS pflegen, das Eisen umkehren und mit Hämmern schmieden. In manchen Gegenden stellen ihnen die Bergleute täglich ein Töpflein mit Speise an einen besonderen Ort. Auch kaufen sie jährlich zu gewissen Zeiten ein rothes Röcklein, der Länge nach einem Kna­ben gerecht, und machen ihnen ein Geschenk damit. Unterlassen sie es, so werden die Kleinen zornig und ungnädig.

Die Zwerglöcher und der Abzug der Zwerge.

Die kleinen Höhlen in den Felsen, die man in eini­gen Gegenden der Grafschaft Hohnstein häufig findet, und die größtentheils so niedrig sind, daß erwachsene Men«

*) Aeltere Form für bevorstand; der Sammler dieser Sagen hat geglaubt, an der Art, wie fie mündlich von Geschlecht zu Ge­schlecht überliefert find, möglichst wenig ändern zu müssen.