Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen, Allgem. Zeitung.

1850. M 40.

Niedersächfifche Zwergsagen.

(Fortsetzung.)

Die Zwerge bet Hitzacker.

Es ist eine alte Sage, welche alte Leute von ihren Großeltern und diese wieder von ihren; Vorfahren gehört haben, daß vor Zeiten in den Bergen um Hitzacker und besonders in dem Schloßberge kleine unterirdische Leute als Zwerge sich aufgehalten haben, welche sich zwar sehr selten sehen lassen, doch aber gegen die Einwohner dieses Orts sehr gutthätig sich erwiesen und mit ihrem Haus- geräthe bei Hochzeiten und andern dergleichen feierlichen Handlungen an die Hand gegangen.

Insonderheit wird von ihnen erzählt, daß sie den Bürgern, wenn sie brauen wollen, auf ihr Begehren eine Braupfanne geliehen, und hätte man in solchen Fällen nur einen Dienstboten oder ein Kind nach dem Berg geschickt, welcher jenen unsichtbaren Einwohnern im Namen dessen, so dieser Willfahrung bedürftig gewesen, einen Gruß vermeldet, mit der Bitte, die gedachte Pfanne oder anderes Hausgeräthe auf ein Paar Tage zu leihen. Hierauf nun sey der Bote wieder zurückgegangen, und hat man deS folgenden Morgens oder bald hernach das Verlangte am Berge stehend gefunden.

Wenn man nun solches gebraucht, hat man eS wie­der an die vorige Stelle gebracht, auch einen Krug frisch Bier nebst einem frischen Brode darein gesetzt, nebst einer Danksagung im Namen des Hauswirths und der Wirthin. Die unterirdischen Zwerge haben dann solches geliehene Geschirr wieder in den Berg genommen, jedoch ganz un­vermerkt, so daß kein Mensch erfahren können, wie es damit zugegangen.

Als einstmalen ein Handwerksbursche vorübergegan­gen, hat er die Pfanne nebst Bier und Brod allda, ehe

die Zwerge sie abgeholt, gefunden, und weil er vor Hunger und Durst ganz ermattet, sich daran erquickt; hat sich dann aber sehr undankbar und unverschämt erzeiget, und die Pfanne ganz verunreinigt, weßhalb denn auch nach der Zeil man die Pfanne nicht mehr wie vor­mals gefunden, sondern bemerkt hat, daß den Bürgern vielmehr Schaven zugefügt und ihnen von den Unterirdi­schen das Bier in den Kellern ausgeschöpst wurde.

Bald darauf kam auch ein klein Männlein zu dem Fährmann und begehrte von ihm, des folgenden Tags auf bestimmte Zeit und Stunde mit der Fähre an gedachtem Orte sich einzufinden und um genügsame Bezahlung etliche Personen überzufahren. Als der Fährmann abgeredeter Maßen sich am Berge eingefunden, ist eine fast unzäh­lige Menge kleiner Leute in die Fähre gegangen, so daß er nichts als die Köpfe sehen können, und ist er darauf befehligt, die Männlein ans jenseitige Ufer] überzusetzen. Nachdem er solches etliche Male wiederholt, ist ihm von dem kleinen Männlein eine reichliche Belohnung an Geld gegeben, und nach der Zeit hat man nichts mehr von solchen unterirdischen Einwohnern und Zwergen ver­nommen.

Sonst sollen sie auch den ungetauften Kindern sehr nachgestanden seyn und dieselben zum Oefteren vertauscht haben. So berichtet man von dem lange verstorbenen Bürgermeister Johann Schulzen, man habe, als seine Mutter mit ihm in den Wochen gelegen, wahrgenommen, daß in der Nacht ein ganzes Heer kleiner Leute ins HauS gekommen, sich um den Feuerheerd gesetzt, Feuer ange­schlagen und angezündet und dabei ein kleines Kindlern gewärmt, welches sie gedacht umzutauschen. Als die Mutter darüber aufgewacht und eben das Kraut Orant in der Wiege gehabt, hätten sie deren Kind nicht mit fortbringen können, sondern fallen lassen, wovon es auch ein Zeichen an dem einen Augenbrauen behalten.