Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850.
.M 35.
Niedersächsische Zwergsagen.
Von Hermann Harrys.*)
Im ganzen Vaterlande war früher der Glaube verbreitet, daß die Natur von Wesen bevölkert sey, die dem menschlichen Auge nur zu gewissen Zeiten oder unter begünstigenden Umständen sichtbar werden, aber sehr oft durch ihre Wirkungen kundgeben, daß sie vorhanden sind. Diese Wesen dachten sich die Menschen bald als gute, bald als böse; ihre Wirksamkeit ist theils friedlich, freundlich, wohlthätig, theils gefährlich, schädlich oder verderblich. Zu diesen Wesen gehören auch die Zwerge. Der Glaube, der unter dem Volke über dieselben lebte, war nicht das Ergebniß einer willkürlich schaffenden Einbildungskraft, sondern ein Ueberbleibsel auS dem Alter, thume, aus jener Zeit, als die christliche Religion noch nicht in die Wälder und Wohnplätze der Deutschen mit ihren mildern und reinern, weniger auf die Sinne als auf den Geist wirkenden Lehren eingedrungen war, als der eigenthümlich geformte Felsblock noch für den Wohn, sitz emsig schaffender Gnomen gehalten wurde, als man sich den klaren Quell nicht ohne unirdische Bewohner denken mochte, als das Sausen des Windes in den Baumkronen und die seltsamen Stimmen der Luft und des Gevögels in einsamer Mitternacht noch Zeichen waren , daß die Götter durch die irdischen Bereiche ihren Umgang hielten; aus jener Zeit, da die Natur dem menschlichen Auge noch im vollen Leben erschien. Der Lenker der Welt, Wuotan, der Gebieter über Schlacht und Sieg schloß dem im ehrlichen Kampfe verblutenden Helden seine ewige Behausung auf. Er verlieh den Sieg, förderte das Gedeihen der Fluren, kannte die Geheimnisse in der Brust des Menschen. Ihm spendete der Opfernde den Trank und ließ in der Erntezeit dankbar ihm, dem
*) Aus Honecks „Buch für Winterabende".
Unsichtbaren, einen Theil der Früchte stehen, um nicht durch Habgier den Milben, Gnadenvollen zu erzürnen. Donar, dem Menschengeschlechte zürnend, strafend, wenn es gefehlt, schleuderte im Unwetter seine keilförmigen Steine auf die Erde, oder vernichtete die Frevelnden mit seinem gewaltigen Hammer. Milde, [ver# söhnend, nur dann finster blickend, wenn Ordnung und Thätigkeit vom Menschen versäumt waren, wohnte Frau Holda im Blau des Himmels, von dem sie Regen und Schnee zur Erde schüttelte. Sie weilte gern in klaren Seen und kühlen Bronnen. Da sah man sie oft als ein schönes glänzendes Weib aus der Tiefe auftauchen und rasch sich wieder verbergen. Immer geschäftig bestrafte sie träge, belohnte die fleißigen Mädchen. AlS die Bringerin des Lichts und der holden Frühlingszeit, wo die Knospen schwellen, die Flüsse und Bäche wieder segensreich durch das lockere Erdreich ziehen und der Menschen Brust sich erweitert, empfänglich für jede sanfte, hohe Regung, verehrte man Ostara durch fröhliche Tänze und Feuer auf den Höhen der Berge. Wie sie war Freia die schöne schmerzbannende Göttin, durch Anmuth und Liebe fesselnd, während H e l l i a mit unerbittlicher Strenge die Seelen der Verstorbenen in ihrer dunklen Behausung verschlossen hielt. Weise Frauen verkündigten in göttlichen Aussprüchen die Zukunft. El, ben (Elfen) und Wichte, schwarz und mißgestaltet, oder glänzend und hell, von lieblicher Gestalt, in strahlenden Gewändern leuchtend, mit blitzenden Steinen geziert, wohnten in den Spalten der Berge oder in den Fels, Hüften , an köstlichen Schätzen, zierlichen Geräthen, frohen Gelagen sich erfreuend. In den Fluten hauste der ernste Wassermann; auf Bergen und Felsenmauern wohnte das Riesengcschlecht, deren harter Fuß sich tief in den Stein.'prägte und deren Gewalt die Felsblöcke zu unersteiglichen Burgen austhürmte.