Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — 34
Der verhängnißvolle Nagel.
Erzählung aus der ersten Hälfte deS achtzehnten Jahrhunderts.
(Schluß).
Christel senkte ihr Köpfchen bejahend auf ihr Busentuch nieder.
„O liebe, liebe Christel," rief Matthäus voller Freude, umfing das Mädchen und wollte schon einen Kuß auf dessen Rosenlippen drücken', als er plötzlich die Hände wieder sinken ließ und hastig sprach: „Laß mich erst nach dem Neit sehen, ob er sich etwa zum Zweiten- male aufhängen will —" Er näherte sich dem GewâchS- hause und schielte verstohlen durch dessen Fenster.
„Gott Lob!" sprach er zurückkehrend — er liegt vor dem bösen Nagel auf den Knieen und — betet ! Nun habe ich keine Sorge mehr um ihn. Aber, Christel, um wieder auf unsere Sache zurückzukommen — hast Du auch bedacht, daß Du als meine Frau mir wirst im Garten helfen, z. B. Wasser pumpen, jäten, mit grüner Waare zu Märkte fahren müssen."
„Zehnmal lieber als den ganzen Tag nähen" — betheuerte Christel.
„Deine zarten, weißen Händchen werden hart und schwielig werden, und einen Huf bekommen, Dein Gesicht und Hals werden die Sonnenstrahlen bräunen und ver« brennen —"
„Thut Alles nichts! Ich lasse mir nicht Angst machen durch Dich —" versetzte Christel.
„Wird aber auch Deine Mutter einwilligen wollen?" fragte Matthaus besorgt.
„Gewiß!" erwiederte Christel. — „Vielmals hat sie Dich zu ihrem Schwiegersöhne gewünscht und hört sie, daß der Leibchirurgus schon am Stricke gezappelt hat, so gibt sie ihm gleich die Schippe."
Da umfing Matthäus seine Braut und küßte sie zum erstenmale, und er sprach dabei mit gerührter Stimmer „Du hast Recht gehabt, Mutter, daß der Herr Alles wohl machen würde."
Jetzt kam auch Neit aus dem Gewächshause herbeigeeilt.
„Ich habe' den Nagel aus der Wand gezogen —" sprach er hastig zu Matthäus — „und nehme ihn mit heim, denn ich habe ihn theuer erkauft und daher verdient."
„Nehme Er auch gleich seine Schnur Dukaten und daS Brautkleid mit" — sagte Christel — „Matthäus war mir eher gut als Er, und ich ihm nicht minder."
„Trage ich etwa nicht schwer genug an dem Korbe, den Sie mir aufhängt?" — versetzte Neit — „soll ich noch mehr aufladen? Behalte Sie den Plunder, Jungfer! Aber darf ich bei Ihrer Hochzeit den Ehrentanz mit Ihr tanzen, den ich als glücklicher Bräutigam Ihrem Liebsten zugedacht hatte?"
„O, zehn für einen!" rief Matthäus dankbar aus. „Ihr feit ein edler Mann, Neit! Nun ist Eure Sünde ganz und gar ausgewetzt und der liebe Gott gewiß Euch wieder hold und gütig."
„Der bewußte Nagel war doch zu etwas gut!" behauptete Neit. — „Ohne ihn hättet Ihr Beide Euern Mund nicht aufgethan und wir Alle wären unglücklich geworden."
„Nicht der Nagel —" erwiederte Matthäus andäch, tig — „sondern Gottes Gnade, welche das böse Thun der Menschen zum Besten zu lenken weiß.
Auf der Hochzeit deS glücklichen Brautpaares tanzte Neit wirklich den Ehrentanz mit der Braut und mehrere noch dazu. Auch schien seine Fröhlichkeit keine blos erkünstelte zu seyn, denn: verleiht Rechtthun nicht die reinsten Freuden? Als Hochzeitsgeschenk zeigte Neit eine