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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. JVi 33.

Der verhängnißvolle Nagel.

Erzählung aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.

(Fortsetzung.)

Während dem LeibchirurguS ob dieser Strafpredigt der Mund vor Verwunderung offen stehen blieb, sagte Matthäus, sich vergessend, zu Schön-Christel:

Niemand sey auf seine Tugend stolz. Es können Augenblicke kommen, wo man seines Gottes und seiner Pflichten vergißt. Griff ich doch selbst schon nach dem Stricke, als ich die Kunde von Eurer Verlobung erhall­ten, um mich an denselbeu Nagel zu hängen, und wäre mir nicht meine arme Mutter beigefallen, und daß mich der Henker vor Euren Augen auf der Kuhhaut aus dem Garten schleifen würde: wer weiß, ob ich mein Vorhaben unausgeführt gelassen hätte!"

Auf's Neue bewährte sich hier das lateinische Sprüch, wort:Duo, cum faciunt idem, non est idem (wenn Zwei dasselbe thun, ist's doch nicht dasselbe), indem Christel, anstatt in einen eben so heftigen Unwillen wie vorhin bei der Kunde von Neit's beabsichtigtem Selbst­morde auszubrechen, sich jetzt mit der verwundert ausge­sprochenen Frage zum Matthäus wendete:Wegen meiner Verlobung wolltet Ihr ein Selbstmörder werden? Und warum denn das?"

Weil ich Euch so gut war und Euch heirathen wollte," platzte Matthäus heraus.

Guter Gott!" sprach Christel und schlug die Hände zusammen.Warum habt Ihr mir dies nicht eher gesagt?"

Weil ich eher noch keine Frau ernähren konnte. Nun aber bin ich dies im Stande und hatte mir darum fest vorgenommen, vergangenen Sonntag um Euch an­zuhalten. Da kam Herr Neit am Freitage zuvor und

sagte mir, daß Ihr seine Braut wäret. Und da kam ich aus den bösen Gedanken, den mir der Herr verzeihen wolle," gestand Matthäus.

Ach, warum sagtet Ihr mir auch dann noch nichts!" klagte Christel.

Sollte ich Euerm Glücke hinderlich seyn?" fragte Matthäus.Ich bin ein armer Gärtner und kein reicher Hofchirurgus, kann Euch keine Schnur Sophiendukaten zum Mahlschatze und kein theures Seidenzeug mit großen Blumen zum Brautkleide schenken."

Was schadet das?" entgegnete Christel weinend die Blumen Eures Gartens sind doch weit schöner und ich würde mich glücklich geschätzt haben,"

Hinaus!" unterbrach sie hier der LeibchirurguS hinaus mit Euch! Laßt mich allein, ich beschwöre Euch!" Er schob mit Gewalt das Paar durch die Thüre fort.

Neit, Ihr werdet doch nicht?" rief Matthäus arg- denklich und blickte forschend umher, ob ein Strick in der Nähe liege.Denkt an den Nagel und an den lieben Gott."

Schweigt!" gebot Neit strenge,und tragt um mich keine Sorge."

O Christel!" sagte Matthäus draußen zu der Jung­frau,war es Dein Ernst mit dem, was Du im Ge­wächshause sprachst? Ach, wie lange schon ist's, daß ich Dich so recht von Herzen lieb habe, hast Du denn nichts davon gemerkt?"

I nun, manchmal glaubte ich es wohl" versetzte Christel verschämtund gram war ich Euch auch nimmer, wie Ihr gleichfalls gemerkt haben müßt."

Und Du könntest die Frau eines armen Kohlgärt- nerö werden und die Dir gebotene glänzende Stellung darüber vergessen?" (Schluß folgt.)