Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — M 31
Der verhängnißvolle Nagel.
Erzählung aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.
(Fortsetzung.)
Der Hände viele waren hierauf bemüht, den gröblich aufgetretenen Wundarzt aus dem königlichen Krankenzimmer zu entfernen und in ein Seitenkabinet zu versetzen. Als hier alle mit Vorwürfen auf den Schweig- samen einstürzten, platzte bei diesem die längst schon im Innern flammende Bombe.
Auf das gehöhnte Tafelwerk nieder klatschte der Chapeau-bas. Ein heftiger Griff an die Schläfe und nach dem Nacken schickte jenem die beiden falschen Seitenlocken und den Haarbeutel nach.
„Zum Teufel mit euch und euerm Wüste! —" rief Neit, indeß unter seinen ungestüm zerrenden Händen die Näthe des engen Rockes krachten — „Mich wie ein neugebornes Kind einzuschnüren und zu windeln — ritz, ratz, die theuern Manschetten blieben stückweise an seinen Fingern hangen. „Sucht euch einen Affen aus —" die Weste flog vom Leibe — „den ihr nach euerm Belieben anputzen könnt —" Schuhe, Strümpfe und Beinkleider sanken unter Neits Ungestüm zu Boden, der in ungleich kürzerer Zeit, als vorhin die Hofbedienten bedurft hatten, seine Umwandlung bewirkte.
Mittlerweile sagte der Monarch zu seinem ganz bestürzten Leibdiener: „Holleufer! du hast mir einen Wahnwitzigen statt eines Arztes zugeführt."
„Ach, Ew. Majestät" — klagte Holleufer — „Noch ganz versteinert bin ich vor Schreck und Entsetzen. Der Mensch war erst vollkommen vernünftig und nur dann, als wir ihm die Hoskleidung anlegten, begann er, sich geberdig zu zeigen. Wenn Ew. Majestät geruhen woll, ten, allergnädigst zu erlauben, daß der Mensch noch einmal und zwar in seiner schlichten Alltagskleidung vor Ew. Majestät zu erscheinen dürfte — vielleicht — soll
man nicht Alles versuchen, um die großen Schmerzen Ew. Majestät möglichst zu lindern?"
In dem Augenblicke, wo Reit das königliche Schloß zu verlassen sich anschickte, sah er sich von seinem Gönner Holleufer zurückgeholt und beschworen, die vorige Szene nicht zu wiederholen, sondern seine ganze Kunst aufzubieten, um dem hohen Patienten genugzuthun. Gehorsam angelobend und folgsam wie ein Lamm schritt Neit dem Diener nach.
„Wie stehts?" redete ihn der Monarch huldvoll an, — „ist Er nun gescheidt worden?"
„Ew. Majestät —" versetzte Reit unter einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verneigung —* „ich habe den Narren zugleich mit seiner Kleidung ausgezogen."
Hierauf unterzog sich Neit der genauen, kunstgerechten Untersuchung des kranken, königlichen Beines. Das, was .er hierauf anordnete, wurde von den darum befragten Leibärzten wenigstens als unschädlich anerkannt, wenn schon sie keine Besserung davon erwarteten. Neit aber blieb während der Behandlung seines königlichen Patienten fast unausgesetzt im Schlosse, um jede etwaige Einmischung Anderer zu verhüten.
Nachdem der nach Paris gesendete Eilbote dreizehn Tage ausgeblieben war, kehrte derselbe mit dem Gutachten der Fakultät zurück, welches dahin lautete, daß das kranke Bein, bewandten, höchstgefährlichen Umständen nach, sofort abzulösen sey. Zugleich war aber die Befürchtung ausgesprochen, daß diese Maßregel bereits zu spät kommen und deö Königs Leben verwirkt seyn dürfte. Derselbe aber befand sich, Dank Neit's zweckgemäßer Heilweise, bereits außer aller Gefahr und auf dem vollen Wege der Besserung.
Daß von nun an deS armen Wundarztes äußeres Glück begründet war, versteht sich von selbst. Er sah sich zum königlichen Leibchirurgus ernannt, mit einem schönen