Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — ^ 30.
Der verhängnißvolle Nagel.
Erzählung aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.
(Fortsetzung.)
In seinem Schlöffe zu Dresden saß der Kurfürst von Sachsen und König von Polen, August der Starke ge, fangen. Gefangen war derselbe, welcher zinnerne Teller mit den Händen zusammenrollen, Hufeisen zerbrechen, Stierhâlse auf einen Hieb durchtrennen und auf jeder Handfläche einen Menschen stehen zu lassen vermochte. Gefangen saß der Beherrscher mehrerer Millionen freier Unterthanen und zwar in den schlimmsten Fesseln der — Krankheit. August II. saß wirklich, denn er hatte einen bösen Fuß, jedenfalls eine Folge seiner Unmäßigkeit im Essen, Trinken und Lieben. Nichts ist geeigneter, die menschliche Hoheit und Macht in ihrer Nichtigkeit erscheinen zu lassen, als Krankheit des Geistes oder des Leibes. August der Starke saß jetzt, ein schwacher, hinfälliger und hülfloser Mann mit einer Leidensmiene, in seinem weichen, vergoldeten Purpursesseb und dachte seufzend der goldnen Tage seiner genußreichen Jugend. Theuer bezahlte Leib, ârzte kamen und gingen wieder, ohne daß sie dem königl. Patienten hätten helfen können. Man hatte des Königs Uebel für so gefährlich und bedenklich befunden, daß in einer Berathung der sämmtlichen Leibärzte die Frage aufgeworfen worden war, ob nicht die Wegnahme des kranken Fußes vom Körper durch die dringendste Nothwendigkeit geboten werde? Allein da die sächsischen Jünger Aeökulaps auf ihre alleinige Verantwortlichkeit zu einem eben so gewaltsamen als leidigen Mittel nicht schreiten wollten, so hatte man einen Eilboten nach Paris abgehen lassen, welcher der dortigen medizinischen Fakultät eine genaue Beschreibung über den Stand und. die jetzige Beschaffenheit des königlichen Fußübels hinterbringen und eine Entscheidung der aufgeworfenen Frage verlangen sollte. —
Natürlich wußte der Monarch nichts von der Gefahr, welche über seinem kranken Fuße und über seinem Haupte zugleich schwebte. Er duldete, litt und klagte. Seine Leute aber, welche jetzt keine guten Tage mehr bei ihrem Gebieter hatten, erschöpften sich in Trost-und Heilmitteln, welche sie dem hohen Kranken submissest in Vorschlag brachten.
Da geschah es eines Tages, daß mit des Königs Bewilligung ein neuer Heilkünstler in das hohe Krankenzimmer eingesührr wurde, und zwar zum größten Aerger der königlichen Leibärzte, welche sich, beobachtend und heimlich des Quacksalbers spottend, in einiger Entfernung aufgestellt hatten. Der Mann, welcher dem König rathen sollte, war nämlich kein Studirter, und wenn noch heut zu Tage die Studirten mit mitleidiger Geringschätzung auf alle Nichtstudirten herabzublicken pflegen: so war dies damals noch weit mehr der Fall. Der neue Heilkünstler aber war Niemand anders als — unser Neit, welchen einer der königlichen Laquaien, auf die Kunde von der wunderbaren Herstellung der beiden Juden, seinem hohen Gebieter empfohlen hatte.
Neit sah sich nicht mehr ähnlich. Sein braunes Haupthaar war frifirt, gepudert, gelockt und endete hinten in einem schwarzseidenen Haarbeutel. Ein seidener Frack mit breiter Stickerei und kurze Beinkleider von demselben Stoffe und rehfahler Farbe hatten die Stelle des Tüffel- rockes und der grauen Tuchhosen eingenommen. Eine weiße lange Atlasweste mit ihren breiten Taschen umschloß den ganzen Leib bis zur Ungebühr und ein Degen mit weiß lackirter Scheide und stahlblitzendem Griffe hing wehrhaft an der linken Seite. Blaßblaue Seidenstrümpfe mit rothen Zwickeln und Schuhe mit breiten, silbernen Schnallen schmückten das Untergestelle des Wundarztes, welchem nichts übrig geblieben war, als sein etwas kupferfarbiges Antlitz und der weit ausgreifende Paß-