Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — .M 29.
Der verhängnißvolle Nagel.
Erzählung aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhundert s
(Fortsetzung.)
Auf den Wundarzt schien diese Mittheilung einen mehr freudigen als erschreckenden Eindruck zu machen. Seine gebeugte Gestalt richtete sich empor, sein Antlitz wurde von einer freudestolzen Miene verklart und seine Augen funkelten in kühner Begeisterung.
„Ha, Freund Matthäus!" murmelte Reit — „jetzt gilt's den Nagel auszuwetzen." Und laut fuhr er dann fort: „Mir Verlaub, Frau Mâdler, !wie lange ist's her, daß Sie die kranken Juden im Quartier hat?"
„Seit vier Tagen" — versetzte jene — „und seit vorgestern Abend getraut sich schon Niemand mehr zu ihnen hinauf."
„Guter Gott!" sprach Neit mitleidig — „die armen Menschen! Wenn sie nun etwas benöthigt sind? In Fieberhitze liegen und nichts zu trinken haben? Wo liegen die Aermsten? Ich muß sie sehen."
Fran Mädler prallte erschrocken zurück, als sie diese Worte vernahm. „Wie?" stammelte sie — „Er wollte wirklich? Nun, die Juden liegen oben in der linken Eckstube nach dem Hofe hinaus. Aber dann komme Er uns ja nicht wieder zu nahe. Gebe Er" — sie rief diese Worte dem schon Fortgehenden nach — „den Kranken ein Mittel ein, das sie bald einschlafen läßt und sie, wie uns, aller weitern Noth enthebt."
Neit stieg hinauf. Nach einer kleinen Weile kehrte er schnell zurück, holte aus der Küche und andern Orts herbei, wessen er benöthigt war, und eilte zu den Kranken wieder hinauf. Niemand trat ihm hindernd in den Weg, denn Alles floh.vor ihm wie vor der Pest selbst. Als er nach längerem Aufenthalte wieder in die Gaststube trat, sprach er voll gerechter Entrüstung zu dem, vor ihm in
einen Winkel gekrochenen Ehepaare: „O ihr herzlosen Menschen! Zieht ihr nicht den meisten Gewinn von den polnischen Juden, die nur bei euch einzukehren und einen schönen Thaler Geld aufgehen zu lassen pflegen? Und ihr wäret grausam genug, die Kranken ohne alle Hülfe zu lassen! Dem Verschmachten nahe fand ich sie bereits und welch' eine Blutschuld hättet Ihr auf Euer Haupt und HauS geladen, wäre ich nicht in dem entscheidenden Augenblicke hergekommen! Bald bin ich wieder hier; bis dahin lasset die Kranken in Frieden."
Neit begab sich in seine Wohnung — daS jetzt von Gewächsen freie Gewächshaus — zurück.
„Jst's wahr" — rief ihm sein Wirth entgegen — „daß die Pest in den drei Linden ist und daß Ihr bei den Pestkranken gewesen seid?"
„Wiederum ist die geschwätzige Zunge schneller gewesen als die helfende Hand" — brummte Neit. „Ich versichere Euch, Freund Matthäus, daß Ihr nicht um ein Haar anders gethan hättet als ich. Denkt Euch! Menschen, es seyen Juden oder Christen, ohne allen Beistand zu lassen! Das Herz im Leibe wäre Euch zerschmolzen bei dem Anblicke, den ich hatte. Als ich in die Stube der kranken Juden trete, empfängt mich eine übelriechende Stickluft, so daß mein erster Gang nach dem Fenster hin ist, um den davor befindlichen dunkeln Vorhang zu entfernen und einen Flügel zu öffnen. Bei dem Scheine des nun hereinbrechenden Tagelichts erblicke ich in der Mitte deS Zimmers eine halbnackte Menschengestalt , die, von schmerzenden Beulen schrecklich entstellt, wimmernd und auf allen Vieren kriechend, die flehenden Worte hervorlallt: „Wasser! o nur einen Schluck Wasser!" Ich hebe den langbärtigen Mann, den ein heftiger Fieberfrost abschüttelt, auf sein Lager zurück und hole vor allen Dingen den begehrten Trunk herbei; dann gehe ich an das weiter Nöthige. Ich mußte Alles in