Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
. Zeitung
1850. — ^ 88.
Der verhängnißvolle dtagel.
Erzählung aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhundert s
(Fortsetzung.)
Eines TageS war er mit Matthäus im Garten be, schäftigt, als die Näther-Christel durch die Gartenthüre — seit Neits Anwesenheit zum erstenmale — eintrat. Matthäus zuckte erst freudig zusammen, dann aber er, schrack er eben so schnell über Christels Anblick; denn das hübsche Kind sah leidend bleich und verweint aus. Ein Taschentuch, das sie vor den Mund und die Wange hielt, ließ auf die Ursache ihres leidenden Zustandes schließen. Christel näherte sich mit kleinen, zögernden Schritten dem jungen Gärtner.
„Guter Matthäus" — hoh das Mädchen angsthaft an — „ich komme bald von Sinnen vor Zahnschmerzen. Was rathet Ihr mir? Ob ich wohl den Zahn von dem fremden Doktor dort herausziehen lasse? Wird er es um ein Billiges thun und mich nicht zu sehr martern?"
Matthäus blieb dem Mädchen die Antwort schuldig. Der Gedanke war ihm fürchterlich, diejenige, wel, che seinem Herzen so theuer war, unter den Händen eines Mannes zn sehen, welcher sich selbst zu morden beabsichtigt gehabt hatte. Ein reiner Engel in der Gewalt eines Tiefgefallenen!
Bevor er noch seine Gedanken kund zu geben vermochte , war Neit, welcher des Mädchens Anliegen errathen hatte, schnell herbeigekommen.
„Wir wollen nachsehen" — sprach er — „wie der Jungfer zu helfen sei. Gehe Sie mit mir in das Gewächshaus und zeige Sie mir Ihre Zähne."
Christel folgte stumm, doch willig, dem voranschrei- tenden Neit. Im Fortgehen drehte sie sich um und sah den Gärtner mit einem bittenden Blicke an, welcher, denselben verstehend, dem Paare nachwanderte.
Der erste Blick des Gärtners bei dessen Eintritte ins Gewächshaus, fiel mechanisch auf den verhängnißvollen Nagel in der Rückwand, der zweite auf Christel, welche bereits auf einem Schemel saß, ihren Kopf zu, rückbiegen und den Mund öffnen mußte. Der Arzt erblickte mit einem angenehmen Erstaunen hinter den rosigen Lippen des Mädchens zwei Reihen weißer Perlenzähne , wie sie ihm in seiner mehrjährigen Praxis noch nie vorgekommen waren an Reinheit, Ebenmäßigkeit und Schönheit. Nachdem er den schmerzenden Zahn gesucht und aufgefunden hatte, hob er an: „Liebe Jungfer, unverantwortlich würde ich handeln, wollte ich ein solch seltenes Gebiß durch eine Zahnlücke schänden. Auch ist dazu ganz und gar keine Nothwendigkeit vor, Handen. Ich hoffe daß die Schmerzen durch ein anderes Mittel sich bannen lassen werden als durch ein Zahn- ausziehen."
Neit suchte hierauf unter seinen Sachen ein weißes Pulver hervor, von welchem er der Jungfrau eine Gabe auf die Zähne streute, worauf jene wirklich sofort Linderung verspürte. Auf ihre Frage, was sie dem Zahn, künstler schuldig sei, versetzte dieser lachend: „Das Wiederkommen, liebe Jungfer ! Sind wir ja doch getreue Nachbarn."
Neit begleitete die Dankende bis vor die Thüre und sagte Vann zu Matthäus: „Einen wahren Schatz besitzt das hübsche Kind an seinen Prachtzähnen. Jedes Stück ist seine hundert Thaler und mehr noch werth. Ja, eine Königin gäbe wohl so viele Tausende dafür. Wie gesund müssen alle Säfte dieses lieben Wesens seyn!"
Matthäus vernahm diese Aeußerung mit stiller Zufriedenheit , jedoch nicht ohne einen kleinen Zusatz von Eifersucht.
Bald nachher aber hatte Neit an wichtigere Dinge als an Christels Perlenzähne zu denken. Als er näm,