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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. .M 27.

Der verhängnißvolle Nagel.

Erzählung aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.

(Fortsetzung.)

Als das Blut, welches anfangs nur langsam tropfte, stärker zu fließen und dann zu springen begann, schlug Neit die Augen auf und stierte seinen Lebensretter mit einem furchtbar schrecklichen Blicke an.Warum habt Ihr mir den Spaß verdorben?" fragte er lallend.Soll ich die Leute nicht auch in den April schicken dürfen? Seyd Ihr es noch nicht überdrüssig, einen unnützen Mit­esser bei Euch zu haben?" Hierauf betrachtete Neit mit Aufmerksamkeit seinen blutenden Arm.

Ei seht doch!" fuhr er fort,wie geschickt Ihr mir in mein Handwerk gepfuscht habt! Richtig die vena ba- silica getroffen! Warum nicht lieber die Pulsader ? Doch ich sehe, daß ich Euer Gewächshaus mit meinem Blute besudele. Wollte dies vermeiden und zog darum das Hängen vor, obschon ich lieber den Tod eines Kato ge­storben wäre. Stand schon mit einem Fuße in Charons Nachen und drei Sekunden später hättet Ihr mich nicht demselben entreißen können. Aber der Aderlaß ist gut mir wird recht leicht um'S Herz. Das Hängen ist da­gegen eine schlechte Sache. Bitter bereute ich dasselbe schon, als der Strick die Kehle mir zuzog. Wie viel besser mußte ein Hauptaberlaß seyn, wie der große Cato machte. Kennt Ihr den Cato?"

Ein guter Christ war er wohl nicht?" antwortete Matthäus zerstreutdenn ein solcher wird kein Mörder."

Mörder!" brummte Neitwelch ein gröblicher Ausdruck für einen Menschen, welcher den Muth besitzt, sich frei zu machen von den Banden dieser elenden Erde."

Ich sollte meinen, daß derjenige einen ungleich

größern Muth besitze, welcher geduldig hier ausharrt bis ihn der Herr abruft" sagte Matthäus ernst.

Es scheint, als wäret Ihr eines Aderlasses bedürf­tiger, denn ich" fuhr Neit fort ,seht Ihr doch ganz kreideweiß und entsetzt aus."

Wie sollte ich dies nicht, bei dem schrecklichen An­blicke, den ich halte!" bemerkte Matthäus unter einem stillen Schauder.

Pah! das macht die Gewohnheit" meinte Neit Unsereins, der mit Leichen zu verkehren hat wie Ihr mit Euern Blumen, findet nichts Absonderliches an einem Erhängten. Eure Pflanzen zappeln freilich nicht, vergießen auch kein Blut, wenn Ihr sie abschneidet. Darum seid Ihr so weichmüthig."

Guter Gott!" rief Matthäus auswelch eine schwere Sünde Ihr begangen habt! Gegen Euern Gott, gegen Euch selbst, gegen mich und meine Mutter! Die­selbe Stätte, die Euch bisher gastfreundlich beherbergte, wollet Ihr durch einen Mord entweihen meinen Gar- ten in Verruf bringen und somit meinen ohnehin sauern Verdienst noch schmälern !"

Ihr habt Recht!" gestand Neit eindas hatte ich nicht bedacht. In dem Walde hätte ich mein Vor­haben ausführen sollen."

Meinet Ihr, daß ich je in der Nacht mein Ge­wächshaus hätte wieder betreten können, wenn ich Eure Leiche darin gefunden hätte?" fragte Matthäus. Und meine arme Muiter würde sie der Schreck über Euern gewaltsamen Tod nicht noch viel kränker gemacht haben als sie vorher war?

Ich verdiene Eure Vorwürfe" entgegnete Neit voll Scham.Ihr habt mich fast zwei Monate schon beher­bergt und an Euerm Tische miteffen lassen und ich wollte undankbar genug seyn, Euch zu erschrecken und zu scha­den."