Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — M 84.
Der verhängnisvolle Nagel.
Erzählung aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.
Von Gustav Nie ritz. *)
Vor hundert und einigen Jahren erstreckte sich vor der Dresdener Neustadt ein weiter, unfruchtbarer Raum bis an den Saum der großen Dresdener Heide aus, der Beschaffenheit seines BodenS wegen, mit dem Namen „der Sand" belegt. Des Glaubens Halber auS ihrem Vaterlande vertriebene Böhmen ließen sich zuerst daselbst nieder und gründeten eine noch heute bestehende böhmische Gemeinde, deren Glieder meistens Gärtner waren und durch eisernen Fleiß den unfruchtbaren Sandboden in gedeihliches Gartenland umwandelten. Später gesellten sich zu dem Namen „Sand" der des „neuen Anbaues", bis beide Benennungen jenes, jetzt so stattlichen und großen Stadttheiles, in dem Namen „Antonstadt" untergingen und vielleicht nach wenig Jahren ganz vergessen seyn dürsten. Natürlich waren die dem Elbstrome zunâchstge- legenen Ländereien die ersten, welche von den eingewanderten Böhmen in Angriff genommen wurden, und ein allgemein unter dem Namen „das Neitsche Stift" bekanntes, großes Gartengrundstück gehört noch heute der böh- mischen Gemeinde als Eigenthum zu und wird von deren Vorsteher verwaltet. Dieses Grundstück liegt auf dem rechten Elbufer zwischen dem Gebäude der Garnisonschule und demjenigen Gartenhause, welches gegenwärtig von den vier Prinzessinnen von Holstein bewohnt wird. Der Verfasser erwähnt dieses Grundstücks um deswillen so genau, weil es der Hauptschauplatz nachstehender Erzählung ist, welche ihm, als völlig wahr, von einem ehrsamen Mit- gliede der böhmischen Gemeinde mitgetheilt worden ist, und sich, wie man zu sagen pflegt, auch hören läßt.
*) AuS dem Volkskalender von Karl Steffens.
An einem kalten Nachmittage des Februarmonates 1727 langte ein junger Mann, schweißgebadet und einen Schiebebock mit aufgebautem Reißholze vor sich herschiebend, bei einem Gartenhause am rechten Elbufer an, das noch jetzt steht und unter dem Namen des Neitschen Stifts in Dresden bekannt ist. Damals war das Holz noch nicht so selten und theuer wie in unserer Zeit und dem Unbemittelten daher vergönnt, seinen Bedarf an Brennholz aus dem nahen Walde zu holen, ohne bloß an das dürre Leseholz gewiesen zu seyn. Darum lag auch auf dem Reißighaufen eine blanke Art oben auf, mittelst welcher manch' schöner, starker ,Ast von seinem Stamme getrennt worden war.
Während der junge Mann seinen Schiebebock niedersetzte, um das Thor zu öffnen, ging^ein Fenster im Dachgeschosse auf, und der Kopf einer bejahrten Frauensperson zeigte sich in demselben.
„Gut, daß du kommst, Matthäus!" rief jene ihrem Sohne entgegen. „Ich habe schon wie auf Kohlen gesessen. Die Fürstin Petrikowska hat zu heute Abend eine Menge Blumensträußchen bestellen lassen, und in meiner Angst, daß du zu lange außen bliebest, wollte ich schon den Versuch machen, mit meinen geschwollenen Beinen in das Gewächshaus hinunter zu krabbeln. Da kam noch wie gerufen die Näther-Christel vorbei, die nun an meiner Statt die Blumen schneidet."
Matthäus hatte hierauf nichts Eiligeres zu thun, als sein Holz in den Hofraum zu fahren, und dann sich in das Gewächshaus zu begeben, dessen gewärmte Luft die wohlthätigste für seinen gegenwärtigen Zustand der Erhitzung war.
Das Gewächshaus, zu dessen Eingänge Matthäus über mehrere Stufen hinabstieg, war weder groß, noch kostbar gebaut. Demohnerachtet stand sein Inhalt keinem anderen an Werthe nach, denn Matthäus war ein wohl-