Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — M 23.
Das Mädchen von Helgoland.
(Schluß).
Katharina weinte und schloß ihr Kind an's Herz, dem sie Paul Gerhardts Lied auf der langen Seefahrt beigebracht hatte. Sie schrieb an Mister Noung in New- Nork und an Peter Klassen in Helgoland. Aber New- Nork ist sehr weit von Paris, und es kam keine Antwort von da. Von Helgoland dagegen kam binnen wenig Tagen ihr eigener Brief zurück, auf dessen Rückseite ein Wort stand: todt. Katharina stürzte mit dem Brief hinaus. Der Pont-Neuf war nahe; sie stand an der steinernen Balustrade der Riesenbrücke, zu Füßen des guten Königs Heinrich, ihr Auge starrte gierig in die grau- gelbe Tiefe, ihr Fuß zuckte, da faßte sie eine kleine Hand am Rocke, und Fanny, welche der Mutter nachgelaufen war, lallte, durch Thränen lächelnd, mit kindlicher Angst und Liebe zu ihr empor blickend: „Mutter, befiehl Du Deine Wege und Alles, was Dich kränkt, der treuen Vaterpflege deff', der den Erdkreis lenkt!" Das Kind verstand nicht, was es sagte: aber die Mutter verstand es.
„Halten Sie ein," rief ich aus. „Seyn Sie ruhig, arme, liebe Freundin; Sie sind gerettet."
Nahe dem Boulevart der Italiener, der großen Oper schräg gegenüber, steht das Cafe Lepelletier, ein beliebtes und sehr bequemes Haus, so recht im Mittelpunkte des eigentlichen Paris gelegen, wie gemacht sür Rendezvous, Dominopartieen und Verdauungsstündlein. Im Hofe vor der Thüre winkt eine Bronce-Statue der Göttin Flora, welche im Sommer Blumen auf dem Kopf trägt und im Winter ein Gaslicht. Dort, unter Flora's Schutze, im Erdgeschoße, in kleinen, lauschigen Zimmern, auf rothen Divans, versammeln sich Abends nach Tische, oder auch nach dem Schauspiel, deutsche Landsleute in guter Anzahl, Gäste am fremden Herd, die aber noch
Alle, Alle an der Heimath hangen mit reuiger Liebe und sehnsuchtsvoller Hoffnung. Da wird deutsch gesprochen, deutsch gelacht, deutsch geraucht, oft auch deutsch geträumt und zuweilen deutsch getrunken und deutsch gesungen. Franzosen verlieren sich nicht viele hieher, durchaus nicht aus Abneigung gegen das deutsche Häuflein, nein, nur in einer stillschweigenden Konzession. Wohin Du blickst, nur blonde Haare, blaue Augen, altgermanische Rothbärte, wohin Du hörst, deutsche Worte in Scherz und Ernst, wohin Du fühlst, deutsche Herzen, die dem Deinen freundlich entgegen schlagen. In das Cafe Lepellelier führte ich die Helgoländerin, sie einstweilen der Obhut der Dame vom Hause übergebend. Ich trat in das Gastzimmer. „Guten Abend," scholl es aus dem Rauche auf mich zu, und von einer andern Seite: „Ei, du kommst spät heute!" — „Ich komme auch nicht allein," entgegnete ich, „ich bringe eine Landsmännin mit." — „Wo denn, wen denn? — Ist sie hübsch?" —„Ist sie jung?" — „Sie ist unglücklich, Freunde!" — Dieses Wort verfehlt seinen Weg an diese Gemüther nie. Ich erzählte, kurz, hart, mit fliegendem Athem, mit gerötheter Stirn. Schweigend hörten mich Alle an. Als ich geschlossen, sprangen Einige auf, meinen Schützling zu holen, und der Aelteste unseres kleinen Kreises sprach ernst und laut: „Du'hast Recht, der Frau muß geholfen werden."
Im Triumphe führten wir die dankbar und innig Weinende nach ihrer bescheidenen Zufluchtsstätte; ich trug Fanny, meine alte Freundin vom Dampfschiff her, die mich nicht erkannte und doch lieb hatte, die kleinen Aerm- lein fest um meinen Hals klammernd. Es ward noch in dieser Nacht für das Nächste und Nothwendigste gesorgt, und acht Tage darauf befand sie sich schon auf dem Wege nach Havre de Grace, von wo ein Dampfschiff in kurzer Zeit sie nach Hamburg und auf ihr heimisches Jnselland führte. Dorthin verlangte sie, nach dem Grabe