Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — ^ SV.
Das Mädchen von Helgoland.
(Fortsetzung.)
James war kein böser Mensch; beileibe nicht; auch weder undankbar noch gefühllos; nur schwach war er; über die Maßen schwach. Es gibt keine gefährlichere Liebe, als die eines schwachen ManneS. Was daS Weib stärkt, schwächt den Mann. Unfähig, im Drang und Kampf des ersten Augenblickes einen Entschluß zu fassen, schob er seine ganze Zukunft resignirend von sich weg, und warf sich, um jeder Kraftanstrengung und jedes Schmerzes nur einstweilen überhoben zu seyn, in die Gegenwart hin. Er versuchte, den Brief zu vergessen, zu ignoriren, er bat die Geliebte, den Ihrigen nichts von dessen Ankunft zu sagen, er lebte fort, wie immer. Katharina begriff ihn zuerst nicht, dann sah sie mit dem klaren, scharfen Blick deS Weibes nur zu tief in den seichten Grund dieser unmännlichen Seele. Sie schloß die Augen, um sich nicht ihrer Liebe schämen zu müssen.
Mittlerweile sommerte eS auf Helgoland. Die Gäste strömten von allen Weltgegenden herbei, Strand und Düne belebten sich, die Gasthäuser wurden voll, auf den Klippen plapperte es in allen Zungen durch einander, englisch, französisch, deutsch. James gerieth durch Zu- fälligkciten in die Gesellschaft und die Saison hinein; die Insel ist so klein, daß der Einzelne nicht einzeln bleiben kann, wenn er auch möchte. Er war seltener bei Katharina. Seit langer Zeit dem Reize einer sogenannten guten Unterhaltung und dem Verkehr mit der Welt im französischen Sinne entfremdet, fand er Gefallen daran, wie an etwas Neuem. Heimlich tauchten auch wohl stille Vergleichungen in ihm auf zwischen dieser oder jener Miß und zwischen Katharina, zwischen der hübschen Banqierö- tochter aus Hamburg, die so viele geschmackvolle Negli- 8^eS auf der Promenade trug, und zwischen dem armen
Lootsenkinde, welches nur zwei Röcke besaß, beide roth obendrein. JameS ward einsylbiger und kürzer, wie es Katharina schon lange geworden. Sein Schicksal und seine Persönlichkeit machten Aufsehen in der Gesellschaft, die sich aufmerksam und zuvorkommend an ihn schloß; man bot ihm Mittel an, Hülfe in Rath und That. Er akzeptirte. Er ließ sich auf seinen Brief hin Geld von Hamburg senden, er beschenkte Klaffen, Katharina, ihre Brüder, er kleidete sich um, — „seinem Stande gemäß", — ach!—und immer fremder, immer ferner trat er dem Mädchen gegenüber. Sie that nichts, sich zu nähern, nichts, ihn zurückzuziehen, sie that gar nichts. Sie litt nur, — unendlich! — Wohl gab es Stunden, wo James auf einmal wieder verändert erschien, wo er an Katharinas Brust flüchtete und mit heiligen Eiden gelobte, seinem Vater die Einwilligung zu ihrem Bündniß abzu- ringen, oder sich von ihm und von der Heimath entschieden loszusagen. „Ich will hier bleiben," rief er begeistert aus, „bei Dir ist meine Stelle, mein Vaterland, mein Himmel. Wir wollen eine Hütte bauen oben am Falm. Ich werde Schiffer werden, Fischer, ein Lootse, ein Mann wie Dein Vater, wie Deine Brüder!" Katharina lächelte schmerzlich. Sie wußte, wie rasch und wie spurlos solche Entschlüsse, die keine waren, sondern nur träumerische Seifenblasen und Dunstwolken, vorüber glitten. Ihr Leben, fühlte sie, war vernichtet.
„Juni, Juli, August; mir ist nichts mehr bewußt." So heißt ein alter höhnischer Kalender - Reim , oder ganz:
Januar, Februar, März — Du bist mein letztes Herz. April und Mai — Ich bin Dir treu. Juni, Juli, August — Mir ist nichts mehr bewußt. September, Oktober, November, Dezember — Gottlob, daß ich mich nicht verplempert!