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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. Jfé 18.

Das Mädchen von Helgoland.

(Fortsetzung.)

James Noung stammte aus New-Nork, eines reichen und angesehenen Kaufherren einziger Sohn. In Geschäf­ten seines VaterS hatte er die Reise nach Europa unter­nommen. Die Brigg Fortuna sollte ihn und einen großen Theil seiner beweglichen Habe nach Hamburg führen. An den Dünen von Helgoland litt sie grausamen Schiff­bruch. iJames wird, wie alle seine Unglücksgefährten, während der zertrümmerte Kiel im Sande aufläuft, weit hinausgeschleudert in die See und in den Sturm. Ein rüstiger Schwimmer, kämpft er mit dem Muthe der Ver, zweiflung, mit der Ausdauer der Todesangst gegen Wind und Welle, bis ihm an einem Felsenriff der rechte Arm zerschmettert wird. Besinnungslos und ohnmächtig sinkt er unter, aber ein neuer Wasserschwall faßt den Körper und wirft ihn an das nahe Ufer, an die Dünen. Wie lang er gelegen, weiß er nicht. Die Kälte der Nacht und der brennende Schmerz in dem zerschellten Knochen bringen sihn zu sich. Er kriecht in dem tiefen Sande, instinktmäßig, von dem Gestade des Meeres fort, schleppt sich den Hügel hinan und fällt auf's Neue zusammen in dem scharfen, struppigen Riedgras. Dort fand ihn Katha­rina an jenem Morgen.

So weit des Schiffbrüchigen Geschichte. Wie die des Geretteten und Genesenen verlief, braucht das denn weitlâuftig entwickelt und dargestellt zu werden? Rasch war auf der Insel das Gerücht herum: der Fremde, den die Katharina Klaffen geborgen hat, ist ein Amerikaner, ein New-Norker, ein reicher Kaufmanns-Sohn. Es dauerte nicht lange, bis hinzugefügt wurde: Und er zieht sich mit der Göre umher.Na," sagten die Dirnendie hat ein Glück."Ja," meinten die Burschen, wenn er sie nicht sitzen läßt." Solche und ähnliche Worte fielen

auch, wenn Peter Klaffen und seine Söhne in der Nähe waren, dann gerade am stachlichsten. Sie trugen nicht dazu bei, die Einigkeit und den Frieden in dem Hause herzustellen. Zumal grämten sich die Männer darüber, daß es mit Jürge so langsam vorwärts ging; die Wunde wollte sich nicht schließen, der Kranke litt unsäglich, und, was daS Schlimmste war, sein Verstand schien gar nicht wieder zu kommen. Er kannte Niemanden, er lallte mehr, als er sprach, und das Auge nahm einen Ausdruck von Stumpfheit und Starrsinn an, der den Arzt selbst ent­setzte. Peter härmte sich um seinen Erstgeborenen, seine Brüder schalten und tobten.Das Mädchen versäumt ihn," behaupteten die rohen Gesellen,ihrem Burschen zu Liebe; der Amerikaner hat uns alles Unheil über die Schwelle gebracht, hätten wir ihn und seine verwünschte Fortuna nie gesehen!" Katharine hatte nur Thränen gegen solche Vorwürfe und ihr Bewußtseyn als stolzen Trost. Auch glitten die Anklagen, die Verdächtigungen, die Geschwätze der kleinen Welt an ihrem Jnpern ab, wie Waffertropfen an einem klaren, glatten Spiegek. Sie trug eine erste Liebe im Herzen. Was kümmerte ste da das Uebrige, Aeußerliche, Fremde?

Der Winter zog vorüber. James war genesen. Sein Arm warf die schwarze Binde ab, und, wenn auch ge­schwächt noch, konnte er sich doch rühren und war stark genug, einen Brief nach New-Nork abzufassen, einen lan­gen, lieben Brief, voll Betheuerungen und Bitten an Vater Noung. Peter Klassen hätte nun gerne gesehen, wenn der Fremde sein Haus geräumt. Allein Geld besaß er nicht, Papiere zu seiner Legitimation auch nicht, er hatte nur das nackte Leben auS dem Schiffbruch gerettet.

Wollte er auch in eines der Gasthäuser auf Helgo­land ziehen over nach Hamburg schreiben, um rasche Hülfe, ja so stand zu erwarten, daß man ihm erwiderte: Beweise erst die Wahrheit dessen, waS Du sagst; da