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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. M 17.

Das Mädchen von Helgoland.

(Fortsetzung.)

Nirgends ging es stiller und trauriger zu, als unter Peter Klassens eingeschneitem Dache. Er erschien nur selten noch auf dem Falm bei seinen alten Genossen, seine Söhne und sein Mädchen nie mehr im rothen Wasser zu den festlichen Sonntagstänzen. Sein HauS war hart heimgesucht. Zwei Krankenbetten standen darin, das des Fremden und des Sohnes. Katharina hatte eS gegen den ungastlichen und geizigen Sinn der Brüder durchgesetzt, daß Peter den Schiffbrüchigen bei sich auf, nahm, beherbergte und pflegte. Sie räumte ihm das eigene Lager und flüchtete in einen dunklen, schmalen Winkel des Bodens. Da betete sie oftmals in stiller Nacht, wenn das Gewimmer deS Schmerzes und das Gezänke der Rohheit um sie verstummt war, wenn der Wind die Schindeln und Sparren über ihrem einsamen Haupte schüttelte, und das Meer in langen, feierlichen Wogen an die zitternde Schwelle pochte, sie betete zu Gott um Kraft für sich, um Milde für ihre Gesunden, um Genesung für ihre Kranken. Ihr Bruder Jürge war schwer verletzt am Hinterkopf; ein fallender Balken hatte ihn getroffen, und eS mußten täglich neue Splitter aus der bedenklichen Wunde gezogen werden. Der starke Mann lag bewußtlos, wenige Hoffnung gebend zum Aufkommen. Minder gefährlich war deS Fremden Zu­stand. Der Armbruch würde für sich leicht, wenn auch langsam geheilt seyn, allein die SchreckenSnacht hatte auf die zarte Natur des jungen Menschen eine so fürch­terliche Gesammtwirkung hervorgebracht, sie dergestalt entkräftet und zerrüttet, daß der täglich ab, und zugehende Arzt auch ihn niemals ohne verzagendes Kopfschütteln verließ. Peter sah dumpf und restgnirt drein in sein verstörtes Hauswesen: er ließ das Mädchen gewähren.

Sie war die Einzige, welche Muth und Vertrauen nicht verlor. Ihre Sorge und Pflege theilte sie gewissenhaft zwischen den zwei Bedürfenden, und obendrein lag ihr auch noch die Wirthschaft ob für bad; Ganze, so klein eS nun war. Der Arzt betrachtete mit stummer Bewunde­rung dies schwache Weib, fast noch ein Kind ihrem Alter nach. Sie trug und leistete Uebermenschliches. Daß ihre Kraft darunter zusammenbrach, daß das helle Strah­len ihrer Aeuglein erlosch und der jungfräuliche Schimmer der Wange von heimlichen Thränen , von Nachtwachen und Tageöfrohndiensten gebleicht ward, wollte sie nicht gewahren und nicht eingestehen. Ihr frommer Sinn er, kannte in der Schickung Gottes eine Buße, ihr auferlegt für die Sünde Anderer bei jenem Schiffbruch.

Der Fremdling kehrte zuerst in das Bewußtseyn und in ein schwach aufglimmendes Leben zurück. Das Fieber und die Krankheit in ihm waren bezwungen; der Rest, die Heilung des zerbrochenen Gliedes, konnte nun ruhiger von Statten gehen. Neugier und feindselige Mißgunst drängten sich gleich um das Lager des Geretteten, hätte nicht Katharina wie ein Schutzengel über ihm gewacht und gewaltet. Standhaft ließ sie den Vater und die Brüder nicht an ihn herankommen.Er ist mein Fund," war ihr letztes Wort,und mir sollt Ihr ihn lassen !" Wohl mußte der Leidende dessen inne werden, je klarer durch die Dämmerungen der Ohnmacht und des Siech« thumes sein Auge, das leibliche und das geistige, wieder hervorbrach. Katharina war der lichte Punkt, um wel­chen sich die schwachen und vereinzelten Strahlen seines Bewußtseyns sammelten ; ihrem Blicke begegnete der seine, voll Dankbarkeit, Rührung und Ergebenheit, ihre Ge­stalt schwebte ihm vor im Wachen und im Träumen. Er kannte sie nicht, wie sie ihn nicht kannte. Getrennt von aller Welt, auf der schwankenden Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit, begegneten sich diese beiden Seelen. Bald