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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. â 16.

Das Mädchen von Helgoland.

(Fortsetzung.)

Als der Morgen über Helgoland und dem weiten Meere heraufvâmmerte , war cs geschehen. Trümmer bedeckten den weißen Sand der Düne, Planken, Bretter, Pfähle, Stangen, Ballen, Kisten, Stricke und die entsetzlichsten varunter, menschliche Leichen. Was das Meer herangespült hatte, riß es im nächsten Augenblicke auch wieder hinweg. Da waren denn die Helgoländer geschäftig zu retten und zu bergen, wie Raben um das gefallene Thier schwärmten sie in ihren kleinen dunklen Booten um den Wrack der Fortuna, welcher tief in dem gefährlichen Ufersande drin saß. Die ganze Nacht hin­durch hatten sie auf der Lauer gelegen, Andres Siemens, Peter Klassen und die Uebrigen. Nun gab es Arbeit vollauf, nicht nur für den heutigen Tag, nein, für eine Woche mindestens. Die Weiber waren mit Lebensmitteln heraufbeordert worden; sie mußten Zelt und Heerd auf­schlagen auf den Dünen, und die Insel schien wie ver, lassen und ausgestorben.

Katharina war ebenfalls mit herübergekommen. Sie schritt über das dem schrecklichsten Schlachtfelve vergleich­bare Feld, das den Ihrigen nur ein Erntefeld schien. Ihr schauerte, obwohl sie sich der menschlichen Regung in sich wunderte und beinahe schämte. Vor sich hinwan­delnd, um nach dem Vater und nach den Brüdern zu suchen, gerieth sie unbemerkt in die sandige Hügelkette, welche als Rückgrat gewissermaßen den weichen, lang­gestreckten Leib der Düne durchschneidet. Das rothe Röcklein aufgeschürzt, watet sie durch den fußtiefen Sand und das hohe, starre Schilfgras fort. Auf einmal wird sie erschreckt durch ein leises Aechzen zur Seite. Sie eilt darauf hin, sie beugt sich herab, sie erblickt

Einen Mann, in dem Sande liegend, den sein Blut roth gefärbt hat. Der rechte Arm mußte ihm gebrochen oder hart gequetscht seyn , er hing wie ein geknickter Zweig am Rumpfe herab. Sein Gesicht todlenbleich, mit halbgebrochenen Augen und mit feuchtwirrem Haare, wurde von dem grauen Morgenlichte unheimlich ange­leuchtet. Die Kleidung schlotterte zerrissen und triefend naß um ven Körper, der vielleicht in wenigen Minuten eine Leiche war. Nur ein schwaches Röcheln verrieth das noch ringende Leben. Katharina warf sich erschüttert neben dem Schiffbrüchigen nieder, sie faßte mit ihrer Hand nach der seinigen, die im Todeskampfe sich in den Sand festwühlte und an das GraS klammerte, wie an ein letztes, schwaches Lebensfâdlein. Der, Puls klopfte noch, aber wie schwach I DeS Mädchens Geschrei rief die Andern herbei, zumeist Weiber und Kinder, welche rath- los in verzagendem Mitleid den Sterbenden umstanden. Katharina, damit nicht zufrieden, wollte helfen, so lange und wo es möglich war. Rasch entschlossen zog sie einige der Ihrigen an sich; es ward ein kurzer Rath gehalten, und darauf beluden sich vier starke, derbe HelgaStöchter mit ver Bürde des fremden Körpers und trugen ihn, Katharina sein Haupt in ihrem Schooße haltend, den Hügel hinab nach der allgemeinen Feuer- und Lagerstätte.

Dem Trauerzuge begegnete unten ein zweiter.Da bringen sie Einen", riefen die Schiffer am Strande, und die Weiber vom Hügel herab:Unv wir einen Anderen." Jener war kein Fremder, den ein paar Schiffer eben aus dem Kahne huben , vorsichtig und behutsam. Alles lief um ihn zusammen.Herr Gott, der Jürge Klas­sens," hieß es. Katharina hatte einen Unbekannten ge- rettet, indessen ihr Bruder, der Aelteste und Tüchtigste sich tödtlich verletzte bei der Zerstörung des Wrackes. Zwei seiner Brüder geleiteten ihn; der Vater und die beiden Anderen konnten nicht abkommen.Sagt nur