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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. JVI 13.

Das Mädchen von Helgoland.

(Fortsetzung.)

Die ganze Szene einer Seefahrt, immer dieselbe und dennoch immer eine neue, mit Men ihren Lächer- lichkeiten und Häßlichkeiten, gestaltete sich von Minute zu Minute bunter, voller, launiger. Die junge Reisende schien von den Wirkungen des Meeres nichts zu verspü­ren, war sie doch auch eine Tochter desselben. Ich wünschte ihr Glück dazu.Ja," seufzte sie,wäre ich gegen Alles in der Welt so gleichgültig, als gegen die See! Die thut mir nichts. Sie sollen wissen, ich kenne sie von Kindesbeinen an." Das Gespräch war dergestalt ange­knüpft und spann sich ohne Zwang und Hast weiter, von Zeit zu Zeit durch ihr Kind unterbrochen, das nach mei­ner Uhrkette griff oder nach dem Arbeitsbeutel der Mutter. Wir wurden in ein paar Stunden so befreundet mit einander, als kennten wir uns seit Jahren. Die Herzen stehen im Leben nie weiter offen, als wenn eben großes Leid durch sie hingegangen ist. Sie erzählte mir, ich er­zählte ihr, wir tauschten unsere Jugend mit einander, sie eine im Schiff und am Strande verlebte, ich ein Binnen­lands- und Einsiedlerleben. Beide frei von der Gefahr der Seekrankheit, konnten wir uns recht traulich und beschaulich aneinander hingeben, das Kind freundlich und vermittelnd zwischen uns. Der Doktor strich mit seinem Portwein und seinen Cigarren alle Augenblicke an mir vorbei. Er neckte mich; mochte er doch.Das ist vernünftig gehan­delt," sagte er,und in gutem homöopathischen Style. Similia similibus curantur. Ein Liebesschmerz rasch durch einen zweiten. Das lob' ich mir." Ich ließ ihn gewähren, bis er seekrank wurde, trotz dem Portwein. Er schnitt mir ein klägliches Gesicht zu und schwankte die Treppe hinab, in die Unterwelt, gnädig bedeckt mit Nacht und mit Grauen.

Als wir an der berühmten rothen Tonne vorüber, sie bezeichnet die Mündung der Elbe, also Anfang oder Ende der See und der Seekrankheit, gen Kur- Haven hinauffuhren, kannte ich schon die Geschichte und das Leben des Mädchens von Helgoland. Blankensee gegenüber, jenen reizenden Ufern der Elbe, die, wie die letzte Poesie, wie der Schwanengesang des schönen deut­schen Stromes uns anschauen, vertraute ich ihr mein Lieben und Leiden, für das sie weibliche Tröstungen und Hoffnungen fand. Wir schieden bei der Landung in Hamburg, damals meinte ich für immer. Sie zog noch deffelbigcn Abends westwärts, weit, weit jn die See hinaus, sogar in die neue Welt, ich hingegen in eine alte, sehr alte, tief landeinwärts, über viele Berge, in eine kleine dunkle Stadt. Aber das Leben, welches Schach spielt mit den Menschenfiguren, ein Spiel, das nur dem Unkundigen in regelloser.und zufälliger Be­wegung zu verlaufen scheint, während es dem bestimm­testen Maß und Gesetz gehorcht, das Leben hat unS wieder zusammengeführt, die Helgoländerin und mich, auf einem ganz anderen Felde, und mir das Ende ihrer da­mals begonnenen Geschichte in die Hände geworfen. So geb' ich sie denn, wie ich sie empfangen, abgerissen und lose, kein abentheucrliches , wirres Gebilde voll Blut und Grauen, kein Nacht- und Schlachtstück, ach nein! nur ein stilles Herzens-Gemälde, dem aber die Schatten eines innigen Leides nicht fehlen, so wenig, als die Schlaglichter des kurzen Glückes. Jedes Menschen­leben ist eine Novelle, ein Roman, eine Poesie. Nur wenige finden freundliche Hörer und Leser, meint es der Schreibende da auch noch so gut. Mag eS diesen Frag­menten besser ergehen, nicht des Schreibenden wegen, sondern der Sache selbst.

Helgoland theilt sich, wie bekannt, in Oberland und Unterland, jenes die Felsenregion, dieses die Sand- und