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Der Wanderer.

Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. Ji 11 -- -----

Das Mädchen von Helgoland.

AuS denFriedlichen Erzählungen" von Franz Dingelstädt.*)

Um sechs Uhr Morgens ertönte das erste Zeichen der Schiffsglocke. Ein reiner, voller Sommertag, es war der 15. Juli 18 .., lag schon aus dem Meeres­spiegel , der fern hinausglânzte in tausend und aber tausend Streiflichtern. Das wunderbare Eiland hob sich schroff und dunkel daraus empor , mit seinen rothen Felsen und seinem blendend weißen Dünensand eher an­zuschauen wie ein ungeheurer Risenbau, als wie ein na­türliches Gebilde. Am Strande der Insel lebte und webte es trotz der frühen Stunde bereits von allerlei Gestalten. Gewissenhafte Badegäste drängten, weil das hohe Wasser schon merklich herankam, zur Ueberfahrt auf die Dünen, ihr heilsames und frommes Morgenopfer dem Meere darzubringen. Fischersleute kehrten heim von ihren nächtlichen Beutezügen, schwere zappelnde Netze über der Schulter, mit nackten Beinen rüstig herschreitend über den glimmernden Sand. Am meisten und am unnötigsten sputeten sich die Passagiere derHenriette", denen das Geläute galt. Die Henriette dachte noch gar nicht daran, abzusahren; ihr Schlot rauchte kaum, ihre Räder ruheten noch unbeweglich unter den großen grü­nen Kasten. Die Matrosen gingen müßig auf dem blanken Deck spazieren; sie machten sich lustig über die ängstlichen, fürsichtigen Männlein und Fräulein, welche nicht eilig genug in die kleinen, schaukelnden Boote springen konnten, um ja zu rechter Zeit an Bord zu steigen.

Ein viel gewanderter und vielerfahrener Mann, wußte ich, daß so entschliche Hast hier nicht von Nöthen. Ich saß mit meinem Reisegefährten unten am Strande

*) Stuttgart bei A. Krabbe. 2. Bd.

vor dem Pavillon, den der treffende Witz der Helgoländer Trichter" genannt hat. Schön -Riekchen servirte uns den letzten Kaffee. Sie war schon munter, das liebe Kind, schon geputzt sogar; der rothe Rock, das vaterlän­dische Ehrengewand, schloß ihr schmuck und voll um die Hüften, und das Köpfchen war, statt mit dem strengen, dunklen Holdjkaldook, wie ihn die getreuesten Töchter der Insel tragen, von einem bunten, leicht und lose ge­knüpften Seidentüchlein kokett umflattert. Armes Riek­chen ! Wir hatten für Deine Reize und Deine dienstfer­tige Freundlichkeit geringen Sinn. Der Eine schrieb in sein Taschenbuch, Reise-Notizen zu einstigen Journal- Artikeln , und der andere starrte wehmüthig den Falm hinan, über die schöne Jnseltreppe weg, in das Oberland. Dieser Andere, leider Gottes, war ich selbst. Da droben am Falm hatten wir gewohnt, lange, liebe, träge Tage hindurch. Neben dem Häuslein unseres braven Wirths ragte ein stolzes, plattes, neumodiges Dach in die blaue Luft; unter dem Dache zwei verhüllte Fenster, blinkend im Sonnenstrahl, hinter den Fenstern zwei verhüllte Augen, ach, sie schliefen noch. Und dieß war es eben, daß ich gehen sollte, ohne zum Abschied einmal, ein letztes Mal in diese Augen geblickt zu haben, und daß es nun vorüber, ganz und gar vorüber mit dieser schönen Meeresliebe, und Meeresstille, und Meerespoeste. Drei Wochen! nicht wahr, es ist ein kurzer Raum, nicht mehr als eine Spanne Zeit? Aber es kann ein ganzer Himmel darin liegen. Morgens hinüber auf die Düne, hinein in's Wasser; drüben lag sie, dicht vor mir, die luftige Apotheke der Insel, wieder eine kleine Insel für sich, ein eigenes ®(f Leben, und eben schwankte der volle Kahn hinan, und die Reihe der grünen Badekarren setzte sich in Bewegung, die nahenden Gäste aufzunehmen. Nach dem Bade ein rascher Gang, am Strand entlang. Dort begegnete ich ihr täglich, dort gingen mir ihre ge-