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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. â 7.

Tagebuch einer jungen Frau. ModerneZüge aus demLeben der großenWelt.

AuS dem Französischen des Alberic Second von Fr. Bouffier.

(Fortsetzung)

19. Dezember.

Ich habe all meinen Muth zusammengerafft und bin zu meiner Schwiegermutter gegangen.

Sie ist gezwungener, rauher und herrischer als je­mals. Der Thermometer ihrer Zuneigung für mich ist fünfzig Grade unter Null herabgestiegen, die Temperatur pön 1829, das Jahr des strengen Winters.

Ich habe sie im Zustande des Schnees verlassen und in dem des Eises wiedergefunden.

Indeß brachte selbst diese äußerste Kälte mich nicht außer Fassung; ich hatte mich darauf vorbereitet und war schon im Voraus entschlossen alle Kosten der Aussöhnung auf mich zu nehmen.

Darum zeigte ich mich demüthig und unterwürfig, ich, die ich in meinem Herzen die Unabhängigkeit und den Stolz der empörten Engel aufwallen fühlte. Um jeden Preis wollte ich mir die Gunst der Madame de Serthain wieder gewinnen. Mein Vater und meine Mutter sind todt, es sind viele Jahre. Ich ward durch einen Vormund erzogen, dem man dreitausend Franken für seine Vormundschaftskosten anwies und der mir eine genau den dreitausend Franken entsprechende Zärtlichkeit bezeugte. Daher ist mir die Zuneigung der Madame de Serthain unerläßlich, heute besonders, wo es mir scheint diejenige meines Mannes verloren zu haben.

Das war es, was ich mir jagte um mich zu ermu- thigen auf dem schweren Wege der Mäßigung und Ge­duld, den ich einzuschlagen mich genöthigt sah.

Und wem sonst sollst Du über DidierS Benehmen klagen, wenn eS nicht feiner Mutter ist?" fügte ich mir selbst leise hinzu.

Endlich, als der Augenblick günstig schien, ließ ich meinen Thränen, die ich schon über zwei Stunden zurück­gehalten, freien Lauf.

Was haben Sie? was fehlt Ihnen?" fragte mit mehr Erstaunen als Rührung die Marquise.

Ich schluchzte, und ohne ein Wort hervorbringen zu können hielt ich ihr den Brief meines Mannes hin.

Madame de Serthain entfaltete ihn methodisch und laS ihn mit theilnahmloser Miene.

Nun denn?" sagte sie, mir den Brief zurück­gebend r

Nun denn, er liebt mich nicht mehr, das ist ganz klar. Ich bin nicht mehr sein geliebtes Weibchen, ich bin seine Geschäftsträgerin. Vier Monate nach derHei- rath... wie ist daS so unwürdig!"

Sie schwärmen, meine Schwiegertochter, erwiderte die Marquise, ich sehe da nichts, was nicht sehr schicklich sey. Didier beginnt, Sie seine theure Ernestine nennend; er schließt mit den Worten: ganz der Deinige."

WaS fordern Sie mehr, ich bitte Sie? Wünschten Sie wohl, daß er sich amüsire, Ihnen zu schreiben, wie man in Romanen schreibt? Darin läge die Unwürdigkeit."

«Ich hoffte einen Brief, wie er ihn so wohl vor unserer Heirath zu schreiben wußte. In jener Zeit sprach er mir nicht von seinen Orleans und von seinen Fampoux!"

Die Marquise blieb eine Weile wie vom Blitze ge­troffen.

Mein Sohn schrieb Ihnen, bevor Sie seine Fran waren?" fragte sie, als sie wieder zu Sinnen kam?

Ja, Madame,"

Und Sie haben seine Briese angenommen?"