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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. ^ 6.

Tagebuch einer jungen Frau. ModerneZüge aus demLeben der großenWelt.

Aus dem Französischen des Alberic Second von Fr. Bouffier.

(Fortsetzung)

Ich erzählte ihr nun meinen Besuch bei der Som­nambule und verschwieg auch nicht den kleinsten Um­stand. Als ich geendigt hatte, zuckte die Marquise die Achseln.

Diese Geschichte ist nicht übel ersonnen, sagte sie; es ist nur Schade, daß sie nicht sehr wahrscheinlich ist."

Sie glauben nicht daran?"

Nur halb, und ich setze voraus, daß Herr Ga­ston de Nangis auch nicht daran glauben würde."

Herr Gaston de Nangis!" erwiderte ich mit Er, staunen?Wer ist dieser Herr? und was thut seine Meinung zur Sache?"

Da sehet doch, welch ein bewundernswürdig ge, spielteS Erstaunen," hohnlâchelte die Marquise.

Jetzt kennen Sie sogar nicht den Herrn Gaston de Rangis? Ein lediger Herr, der sich als Ihren Anbeter bekennt, und der überall seufzt, daß Ihre schönen Augen ihn vor Liebe sterben machten."

Meine Ohren öffneten sich weit.

Sie sprechen in Räthseln und Charaden," entgeg­nete ich;wollen Sie sich näher erklären."

Das ist unnütz; Sie verstehen schon; ich empfehle mich!"

Ich erhob mich und ging nach der Thüre.

Noch ein Wort," bemerkte Madame de Serthain; und dieses Wort ist ein Rath, dem zu folgen Sic wohl­thun werden: wenn eS Ihnen beliebt, Unklugheiten zu begehen, so werden Sie mich verbinden, damit zu warten bis zur Rückkunft Ihres Mannes."

Ich ging weg, nichts davon verstehend und mich fragend, wer jener Herr Gaston de NangiS, der mich anbetet und den ich nicht kenne, sey.

Gaston de Nangis... ein schöner Name!

17. Dezember.

Heute, wenn ich recht rechne, werde ich DidierS Brief empfangen. Schon dreimal erkundigte ich mich, ob der Briefträger vorüber gegangen sey, und Julie brachte mir dreimal verneinende Antworten. Warum dieser Aufschub? O, das ist schrecklich! Ich habe daS Bedürfniß, geliebt und getröstet zu sevn. Ich sah meine Schwiegermutter nicht wieder; ich lebe allein, bin trau­rig, muthlos, und wie die Blume, gesenkt von der Hitze des Tages, wartet der Thränen der Nacht, so harre ich der süßen Worte und Schwüre der Liebe meines theuren Abwesenden.

Was ist das für Geräusch? es ist Julie, welche her- zuspringt; sie hält einen Brief in der Hand mit dem Stempel von Marseille. Gott sey Dank gebracht! End­lich werde ich einen Augenblick des Glückes genießen. Ach, ich bin nicht verwöhnt; daS ist der erste seit zehn Tagen.

Wieder eine Täuschung; aber ich gestehe, sie ist grausam. Hier ist Didiers Brief, dieser Brief, den ich mir so zärtlich, so lieblich, so leidenschaftlich träumte. Ich schreibe ihn wörtlich ab.

Meine theure Ernestine!

Meine Reise ist vortrefflich abgelaufen; kaum zu Marseille angekommen, habe ich mich mündlich mit meinen Geschäftsfreunden besprochen; die Sache nimmt eine gün­stige Wendung; ich bin so unversehens abgereist, daß ich vernachlässigt habe, meinen Wechselagenten zu besu­chen, um ihm meine Instruktionen zu geben. Schreibe anBilledieu und sage ihm, daß er meine Orleans*) ver-

*) Eisenbahn-Aktien.