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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. 5.

Tagebuch einer jungen Frau. ModerneZüge auS demLeben der großenWelit.

Aus dem Französischen des Alberic Second von Fr. Bouffier.

(Fortsetzung)

Du kennst ja dieses Medaillon. Es ist dasjenige, auf welchem sich das Portrait meines Bruders, des afri­kanischen Offiziers, befindet, ein kleines Meisterwerk der Madame Mirbel.

Mademoiselle Amande roch mit einer Heftigkeit an deinen Haaren, die mich eifersüchtig hätte machen können, wenn sie nicht so häßlich wäre.

Plötzlich stieß sie einen lauten Schrei auS, und ich wurde bleich wie eine Todte.

WaS ist denn, mein Gott! was ist denn? fragte ich in Todesangst."

Still! rief der Magnetiseur mit Autorität."

Darauf trug die Somnambule mit abgebrochner Stimme die folgenden Worte vor:

Ich sehe ihn ... ich sehe ihn . . . er ist an der Spitze seiner Kompagnie; mehrere hundert Araber um­schließen sie, umschwirren und beunruhigen sie ... sie sind der größten Gefahr ausgesetzt ... eine feindliche Kugel trifft sein Pferd, welches fällt und stirbt.. . Einer seiner Soldaten bietet ihm sein eigenes Pferd an ... er verrichtet Wunder der Tapferkeit. .. sein Schwert ist von arabischem Blute gefärbt.. . schon hat sein mächtiger Arm ein Dutzend Soldaten des Emirs in den Staub gestreckt ... er stürzt sich mitten unter die Feinde... er durchbricht ihre Reihen... er rettet sich . .. er ist gerettet!..."

Ein Augenblick des Stillschweigens, während dessen Mademoiselle Amande große Thränen herabfallen läßt.

Ich sehe ihn noch, aber verworrener, fuhr sie fort;

er kniet nieder; er dankt dem höchsten Wesen, und der Name seiner angebeteten Gattin fliegt über seine zittern­den Lippen.

Wünschen sie noch mehr über ihren Mann zu hören? flüsterte mir der Magnetiseur ins Ohr."

Ich danke; ich bin über alle Erwartung befriedigt."

So kann ich also die Schlafende wecken?"

Wie eS ihnen beliebt."

Wachet auf! schrie der Magnetiseur mit übermäßig voller Stimme."

Ich bin wieder erwacht... seufzte Mademoiselle Amande, sich die Augen reibend und die Arme auS- streckend."

Ich hielt es nicht länger auS und wußte mich fast nicht meiner heftigen Anwandlung von Unwille oder der noch heftigeren zum Lachen zu erwehren. Ich nahm Deine Haarlocke zurück und ging in größter Hast weg.

Didier, baS hat mich zwanzig Franken gekostet!

12. Dezember.

ES regnet; eS ist kalt; ich bin nicht ausgegangen, ich habe mich nicht meiner Pantoffeln und meines Zim- merrockes entledigt und nicht die Ecke bei meinem Feuer verlassen. Ich brachte meine Zeit mit unnöthigem Schü­ren zu, mit den Gedanken an dich und mit Aufkritzeln unzähliger Ziffern. Es sind hundert Stunden feit du abgereist bist; so futb also dreihundertsechszigtausend Sekunden von der Hauptsumme abzuziehen; ich habe noch neunhundertdreißigtausend Sekunden von dir getrennt zu leben.

Ich frage mich was ich machen werde ^um nicht hundert Mal von jetzt bis dahin vor Langeweile zu sterben.

13. Dezember.

Diejenigen, welche die Heirath erfunden haben, sind sicherlich zwei Waisen gewesen. Sie mußten sehr glück-