Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — M 4.
□ Tagebuch einer jungen Frau. ModerneZüge aus demLeben der großenWelt.
Aus dem Französischen des Alberic Second von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung)
Von zwei bis halb sechs Uhr hatte ich nun die unaussprechliche Befriedigung, den jungen, wohlbeleibten, blühenden und modernen Abbee Gondale prcbigen^u ho, ren, der, wie eS mir schien, in der Vorstadt Saint-Germain sehr beliebt war. Ich hatte schrecklich kalte Füße, bekam Gâhnen, und wäre selbst eingeschlafen, wenn Deine Mutter nicht die christliche Milde gehabt hätte, mich bis aufS Blut zu kneifen, wann ich der Versuchung deS Schlafes unterliegen wollte. Endlich, urtheile, ob und bis zu welchem Grade ich mich langweilte mein geliebter Didier; ich überließ mich dem Gedanken an Dich, und selbst dieser süße Gedanke, in jeder Zeit unumschränkt mein Herz erfüllend, hat nicht über meine Langeweile gesiegt.
Nach der Predigt kehrte ich mit Madame de Sert- hain zurück, wo mich dasselbe Mittagessen als am vorhergehenden Tage erwartete, bedient durch dieselben schwarzen und schweigsamen Laquaien. Ich will dir nicht von den altherkömmlichen Whist- und Traversi-Partien reden, an denen ich Theil nehmen mußte. Solcher liebliche Zeitvertreib bildete, meines Erachtens, eine ausgesuchte Qual, deren Schilderung in seiner Hölle zu versäumen Dante Unrecht hatte.
Mein Gott! gieb uns unser tägliches Brod und erlöse mich von den anständigen Zerstreuungen meiner Schwiegermama. Amen!
11. Dezember.
Ich beging heute eine Thorheit, welche ich Dir gestehen muß, doch unter der Bedingung, daß Du nicht zu
sehr Deiner armen Ernestine spottest; Deine Abwesenheit verwirrt wahrhaft mein schwaches Gehirn.
Wo ist Didier? Was macht Didier? An waS denkt er?
Das sind drei Fragen, die ich unaufhörlich mir wiederhole und bei denen ich keine genügende Antwort geben kann. Abgesehen von dieser Jahreszeit, wo die Wege so schlecht sind, melden die Journale stets von Unfällen, die den öffentlichen Fuhrwerken begegneten.
Es gibt Augenblicke, wo ich mir vorstelle, daß Du umgestürzt habest, und ich sehe Dich verwundet, sterbend auf dem elenden Lager einer niedrigen Dorfschenke, den Ungeschicklichkeiten der Jünger Aeskulaps des Ortes preisgegeben. Alsdann hört mein Herz zu schlagen auf und ein kalter Schauer durchrieselt meinen ganzen Körper.
Ich stand heute auf unter dem Drucke solch' düsterer Einbildungen und konnte nicht umhin, so viel in meiner Macht stünde, mich über Dein Schicksal aufzuklären; ich erinnerte mich, das Lob einer Demoiselle Amande gehört zu haben, einer jungen Somnambule mit bewundernswürdigem Seherblicke, sagt man, welche Wunder des Fernsehens und doppelten Gesichtes unter der Direktion eines berühmten Magnetiseurs verrichten soll.
Mademoiselle Amande werde ich um Rath fragen, sagte ich mir; ich will wissen, woran ich halte; diese Ungewißheit drückt mich fürchterlich.
Mittlerweile ließ mich die Marquise benachrichten, daß sie mir zwischen zwei und drei Uhr ihren Besuch abstatten werde. Ich ließ ihr sagen, untröstlich darüber zu seyn, sie nicht empfangen zu können, da ich selbst den ganzen Tag unaufschiebbarer Geschäfte halber auszugehen hätte.
Gegen zwei.Uhr machte ich mich zu Fuße und zwar ganz allein auf, da ich Niemand in die Schwächen meines Herzens einweihen wollte.