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Denselben Tag, 10 Uhr.

Ich kehre zurück ermattet, erschöpft und abgespannt an Leib und Seele und mit einer solchen Neigung zum Gähnen, baß ich mich derselben wohl nie entledigen zu können glaube; ich mußte meinem Kutscher, allen mir begegnenden Leuten, meinem Portier, und Julien in's Gesicht gâhnen; und hätte ich noch länger des Zwanges und der Förmlichkeiten ertragen müssen, ich wäre ge- sterben. Meine Schwiegermutter ist unzweifelhaft eine ehrcnwerthe und würdige Dame, allein der gesellschaft­liche Umgang, das gemeinschaftliche Leben mit ihr wäre mir unmöglich, um nicht zu sagen verhaßt; wir sympa- thisiren beinahe wie das Feuer sympathisier mit dem Wasser. Ihre erste Begegnung bestand darin, den Schnitt meines Kleides zu tadeln, die Farben und Schattirungen meines Shawls zu kritisieren, die Form meines HuteS zu mißbilligen. Ich hatte die Unklugheit, ihr zu sagen, daß ich mich lieber mit der Musik beschäftige, und täglich zwei Stunden Klavier spiele, viel zu leichte Worte, die mir einen aus fünf Punkten bestehenden Verweis zuzogen^

Eine verheirathete Frau soll sich vor Allem mit ihren Kindern beschäftigen," bemerkte Madame de Serchain triftig und mit einer gewichtigen Miene.

Wenn sie deren hat," antwortete ich lächelnd;aber ich bin erst seit vier Monaten verheirathet; Didier und ich, wir haben noch nicht einmal ernstlich daran gedacht."

Beinahe mußte ich glauben, etwas Unschickliches ge- 'sagt zu haben, ohne es zu vermuthen, denn meine Schwiegermutter legte mir Stillschweigen auf, mit einer brittischen Sprödigkeit die Worte murmelnd: Shocking! oh shocking!

Da ich untröstlich gewesen seyn würde, mir eine Blöße gegeben zu haben, so fing ich an, weit entfernt auch nur den bloßen Schein eines Unrechtes zu verthei­digen, von Dir, lieber Didier zu sprechen, und sagte, wie sehr glücklich ich mich fühlte, Dir anzugehören, und wie untröstlich ich durch Deine Abwesenheit gewor­den sey.

Nehmen sie sich wohl in Acht, meine Schwieger­mutter , solche Alfanzereien weniger dazu aufgelegten Ohren als den meinigen anzuvertrauen," sagte sie die Stirne runzelnd.

Und warum nicht?" fragte ich mit einer gewissen Haft.

Weil man nicht ermangeln würde zu sagen, daß sie ihren Mann mit einer unschicklichen Manier lieben." Mit einer unschicklichen Manier? waS soll das heiße«? Gibt es denn zwei Manieren, seinen Mann zu lieben, eine, welche schicklich, und eine andere, welche nicht schicklich ist? Ich werde darüber nachdenken."

(Fortsetzung folgt.)

A August von Platen.

Von Hermann PreSber.

(Fortsetzung.)

Rückert, Tieck und Uh land waren ihm wür, dige Vertreter der Kunst, und ihren vollen Werth er­kannte er an; aber nimmer beugte er seine Stirne vor der Mittelmäßigkeit, wenn sie auch, im Besitze der Herr­schaft, allein Triumphe feierte. Liebe zur Kunst war die leitende Idee seines Lebens, aus ihr entsprangen seine Handlungen, seine Werke, und ringend nach der künst­lerischen Vollendung, ist er untergegangen. So war denn auch sein Leben ein ununterbrochenes Studium; waS die übrigen Nationen auf dem Gebiete der Kunst Treffliches geleistet, suchte er sich anzueignen, mit der eigenthümli- / chen Fähigkeit, die der Deutsche dazu besitzt. Ein edler Stolz, wie man ihn wohl bei so charakterfesten Männern wie Platen finden mag, zierte ihn und gebot ihm, ein wahrer Dichter zu seyn, sich selbst zu geben und nicht der herrschenden Geschmacksrichtung Tribut zu leisten. Dessen ungeachtet war er ein echtes Kind der Zeit, deren Zerfallenheit er in nicht geringem Grade theilte, wie sich das später vorzüglich bei seinen Sonetten erweisen wird. Wie jeder wahre Dichter, liebte er sein Vaterland innig; die gesunkene Freiheit, der Verfall der Kunst gingen ihm gleich sehr zu Herzen, und so ist fein ganzes Streben ge­weiht, die erstere wieder zu erwecken, die letztere zu erheben.

Deutschland hörte nicht auf seine Stimme, er sah sich verkannt, mißachtet. Das, was er, gleich Börne, mit seinem besten Herzbl nte geschrieben hatte, sand keinen Anklang bei der Nation. Er verzweifelte an seinem Vaterlande, und an die Stelle der dem Dichter so nöthi­gen Harmonie bemächtigte sich bittere Zerrissenheit seiner Brust; er suchte Ruhe in dem Lande der Kunst, in Ita­lien; dessen lachende Fluren sollten ihm die trüben Bilder der Heimath verscheuchen; er wollte wandeln, wo einst jene gewaltigen Sänger deS Mittelalters geschritten; im Vertiefen in ihre Werke sollte sein Seelenfrieden wieder­kehren; aber er täuschte sich, er konnte sein Vaterland nicht vergessen, Ruhe kam nie wieder in seine Brust. Es ruft eine traurige Empfindung wach, denkt man sich den edlen Dichter, wie er durch all' die üppigen Reize Ita­liens nicht gesesselt wurde, wie er sich immer nach der Heimath sehnte und mit welchem Jubel, umhallt von den weichen Klängen italischen Wollauts, er jede deutsche Stimme begrüßte. Sein Körper durchwanderte Italiens Gauen, sein Geist war jenseits der Alpen.

Liebe scheint er wenig gekannt zu haben, dagegen suchte er Freundschaft, die er höher stellte, in dem edelsten und erhabensten Sinne deö Wortes er fand sie nicht