Der Wanderer.
-- '"’S* — G— CT» -----
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — elf S
□ Tagebuch einer jungen Frau. ModerneZüge aus demLeben der großenWelt.
AuS dem Französischen deS Alberic Second von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung)
Was nun sagen, wenn 5 Monate später der Ver- fasset jenes, von liebender Beredsamkeit überströmenden Briefchens allein auf dem Wege nach Marseille davon eilt, während ich, seine Frau, so einfältig bin, mich ab, zuhârmen zu Paris, Straße Saint-Lazare.
O Didier, Didier! Sollten Sie mich weniger lieben, als zu jener gesegneten Zeit, wo, wie Sie mir sagten, die einzige Berührung von meiner Hand auf Ihre Hand, Ihre zitternde Brust mit unaussprechlicher Wonne erfüllte?
So hat denn diese Lektüre, durch die ich mir einen fast unerträglichen Abend zu verkürzen hoffte, in die äußerste Wehmuth mich versetzt. Ach, warum verwirklicht der Mann so selten die entzückenden Programme des Llebhabers? Woher kommt es, daß vorher und nachher zwei von einander so verschiedene Punkte auf der Heirathskarle sind, getrennt durch unübersteig- liche Abgründe?
Meine Nerven sind abgespannt, ich habe Kopfweh; ich will mich schlafen legen, traurig und ganz miß- muthig.
Böser, böser Didier! es scheint mir, daß ich Sie hassen würde wie eine Korsin, wenn ich Dich nicht liebte wie eine Spanierin.
9. Dezember, Mittags.
Kaum erwacht, schellte ich Julie, welche mir folgenden Brief übergab, den der Hausknecht meiner Schwiegermutter diesen Morgen gebracht hatte:
Meine Schwiegertochter!
„Didier hat mich von seiner schnellen Abreise nach Marseille benachrichtigt, ich habe deßwegen meine Rückkehr beeilt und bin diese Nacht angekommen. Es ziem sich »nicht, daß eine junge Frau von Ihrem Alter und Ihrer Stellung allein bleibe und sich nur selbst, während der Abwesenheit ihres Mannes, als ihres rechtmäßigen Beschirmers, ohne eine ältere Gesellschaftsdame und Begleiterin überlassen bleibe. Deßwegen bin ich nach Paris gekommen, wohin mich mein Herz und meine Pflicht riefen. Ich zähle auf Ihren Besuch sobald cs in Ihrem Kabinette Tag seyn wird.
Es umarmt Sie mit Zuneigung
Ihre Schwiegermutter Marquise Edmée de Serthain."
Ist nun auch der Ton dieser Epistel ein wenig rauh und herrisch und die Wittwe von vornehmem Stande bezeichnend, so fühle ich mich doch beim Lesen derselben sreudig bewegt. Madam de Serthain, welche ich kaum kenne, ist die Mutter meines Mannes, und vermöge dieses Titels hat sie Anspruch auf meine Ehrerbietung, sowie auf meine volle Zärtlichkeit.
Ich habe eben allein gefrühstückt, und nur ich gestehe es, ein höchst einfaches langweiliges Mahl gehabt. AlS ich mich so allein an dem Tische sah, den gewöhnlich Didiers Gegenwart belebte, und welcher mir da groß erschien wie die Welt, war mein armer Appetit wie Rauch verflogen, und ich habe nichts verschlungen als meine Thränen.
Julie zeigt mir an, daß mein Wagen vorgefahren ist. Ich fliege zu meiner Schwiegermutter. Ich, seit gestern verurtheilt nur ganz still an meinen Mann zu denken, werde nun recht nach Herzenslust von ihm sprechen können.