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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen

Zeitung.

1849. M 308.

Eine erfte Liebe.

Episode aus Dem Leben des spanischen Minister-Präsidenten. ,

(Fortsetzung)

Don Ramon de Narvaez marschirte mit seinem Re­giments nach Navarra und diente dort im Felde. Er zeichnete sich bei jeder vorkommenden Gelegenheit aus, und sein Name stand ehrenvoll in mehreren Depeschen. Eine Art altritterlichen Geistes, der noch in ihm lebte, rief ihm oft, wenn sie ein befestigtes Dorf oder eine Schaar Insurgenten angriffen, zu: Donna Ines de Lara wird davon hören! Oft aber dachte er bei sich: Ob sie wohl schon verlobt ist? Und seine Kameraden pflegten ihn oft darüber aufzuziehen, daß er in derGaceta de Madrid", damals der einzigen in ganz Spanien, immer zuerst nach den Geburrs-, Hochzeits- und TobeS- Anzeigen sah.

Seine Befürchtungen, wenn wir uns dieses Aus­druckes bedienen dürfen, erwiesen sich als grundlos. Donna Ines verheirathete sich nicht, obgleich ein Jahr, nachdem Don Ramon Madrid verlassen hatte, ihr Vater etwas von seinem Hochstrebenven Ehrgeize nachgelassen und bei ihr darauf angespielt hatte, daß sie, wenn sie wolle, den Bewerbungen des jungen Grafen Mirasol Gehör schenken möge. Ines aber war nicht gewillt, diesen Bewerbungen geneigtes Ohr zu leihen, und gab dem Grafen deutlich zu verstehen, daß sie sich nicht dazu berufen fühlte, seine Gräfin zu werden. Der Graf ließ sich aber nicht abschrecken, und Herr de Lara unterstützte ihn mit seinem Einflüsse; Ines war jedoch starrköpfig und erinnerte ihren Vater an das Versprechen, welches er ihr gegeben hatte: sie nie zur Heirath mit irgend Jemand zu zwingen. Herr de Lara schien verdrießlicher darüber zu seyn, als Ines erwartet hatte, ging schwei.

gend im Zimmer auf und ab, und schloß sich, als er Ines' Erklärung gehört, beinahe zwei Stunden mit seiner Frau ein.

Was sie besprochen, wußte Ines nicht, aber von dieser Zeit an sah ihre Mutter ernst und traurig aus. Herr de Lara bestand daraus, ohne'ferner in seine Tochter zu dringen, baß der Graf als Hausfreund empfangen werben sollte, und Bälle und Gesellschaften folgten so rasch auf einander, daß die ruhigeren Bewohner von der Calle de Toledo den Kaufherrn und seine Familie dahin wünschten, wohin Ines sich wirklich sehnte nach Navarra.

Inzwischen ward Ines ihrer Mutter, deren Gesund­heit aus irgend einem Grunde sehr zu leiden schien, wegen besorgt; aber Frau de Lara wollte keinen Arzt zu Rathe ziehen, und ihr Gatte schien die Schwäche und Nieder­geschlagenheit, in welche sie versank, gar nicht zu bemer­ken. Ines entschloß sich, ihren Vater auf den Zustand der Mutter aufmerksam zu machen, und da er jetzt jeden Morgen sehr früh ausging, so stand sie eines Tages früher als gewöhnlich auf und klopfte an die Thüre des Ankleidezimmers. Man antwortete nicht, und sie sah, nachdem sie die Thüre geöffnet hatte, hinein, ob ihr Vater bereits ausgegangen wäre.

Die Vorhänge waren noch zugezogen, aber einige Morgensonnenstrahlen fielen durch dieselben, und bei dem matten, ungewissen Lichte erblickte Ines etwas, worüber fie die Hände rang und heftig erbebte. Der Stuhl vor dem Toilettentisch ihres Vaters war leer, aber neben demselben lag auf dem Boden eine schlafende Gestalt Ines trat näher, ihr Herz pochte so heftig, daß sie eS selbst schlagen hören konnte, kein anderes Geräusch ließ sich im Zimmer hören. Sie kniete neben der Gestalt nieder eS war ihr Vater. Sie konnte ihn nicht ath­men hören und zog die Fenstervorhänge zurück. Er war