Der Wanderer.
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BellctrWchcs BcMM zur Rufsamschen Allgcm. Zeitung.
1849. — .4™ 303.
Die Wallfahrt
(Fortsetzung)
Unsere Freunde waren in T. im „Deutschen Hause" abgeftiegen, wo Eugen ein kleines, abgelegenes Stübchen, das er von früherer Zeit her zu kennen schien, zur Verwunderung der Wirthin für sich verlangte. Hierhin begab er sich, während die Damen ihren Andachtsübungen oblagen, und erst nach dem Verlause mehrerer Stunden suchte er sie wieder auf. Er schien vergebens gegen eine trübe, weiche Stimmung anzukâmpfen, die sich seiner bemächtigt hatte. Auch Anna hatte geweint, und selbst die ruhige Großmutter schien bewegt und angegriffen. Die Luft von T., sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln, scheint Schwermuth zu hauchen. Daß mich, die dem Grabe nahe ist, die ernsten Betrachtungen, denen ich mich hingegeben habe, auch ernster stimmten, ist natürlich und recht. Aber Anna weint, und auch Sie, mein Freund, scheinen trüben Träumereien nachzuhangen, und das ist nicht in der Ordnung bei so jungen Leuten, für die weder in der Gegenwart noch in der Zukunft irgend ein Grund zum Kummer oder zur Sorge vorhanden ist. Führen Sie Anna ein Stündchen ins Freie, lieber Delden, und kommen Sie dann beide heiter und vergnügt zu mir zurück; ich bin doch etwas müde von der kurzen Fahrt, die wir gemacht haben, und will mich indeß der Ruhe und Einsamkeit erfreuen.
Die beiden Liebenden wandelten allein im Schatten eines frischen, duftigen Wäldchens, durch dessen Laubkronen die glänzenden Sonnenstrahlen des August-Monats, zu einzelnen, goldenen Lichtstreifen gemildert, hindurchbrachen. Aber sie fühlten weder das stürmische, Alles verschlingende Entzücken, noch auch die beklemmende und doch so köstliche Bangigkeit, welche in der ersten Stunde sichern, einsamen Beisammenftyns sich gewöhnlich in
jungen, frischen Herzen erheben, die es fühlen, wie sie einander Alles sind, ohne sich noch diese beglückende Empfindung gestanden zu haben. Denn vor Beider Seele erhoben sich mit überwältigender Macht die bleichen, traurigen Bilder der Vergangenheit, und zum ersten Male, seit sie sich kannten, wurden ihre Herzen von Ge- danken und Empfindungen bewegt, die mit ihrer Liebe eigentlich nichts gemein halten.
Eugen riß sich endlich zuerst von dem ihn beherrschenden Trübsinne loö, und mit wiedergewonnener Fassung sagte er zu Anna: Ich wollte, wir hätten diese Reise nicht gemacht; sie erheitert unS alle nicht. Ich bin verstimmt, Sie weinen, liebe Anna, und selbst Ihre gute Großmutter ist angegriffen und traurig.
Wir haben, erwiderte Anna, sehr schmerzliche Ereignisse zu beklagen, deren Erinnerung sich besonders an diesem Orte erneuert. — Ach, ich war nicht immer so glücklich und sorgenlos wie jetzt!
Auch mich fesselt eine Erinnerung an diesen Ort, versetzte ihr Begleiter in leisem Tone; eine bange und trübe, die nicht viel mehr ist, als das Gedächtniß an [ einen dunkeln, flüchtigen Traum, und die dennoch mehr i Gewalt über mich hat, als alles, was ich jemals wirk, lich erlebte und sah.
Anna blickte ihn fragend an, und er fuhr trübe und zögernd fort: Ich sollte nichl davon sprechen, denn alle meine Gedanken und Empfindungen, die aus diesen Gegenstand Bezug haben, stellen mich eher als einen überspannten Schwärmer, denn als einen vernünftigen Menschen bar. Aber Sie mögen mich kennen lernen, ganz so, wie ich bin. — Es war gegen das Ende des vorigen Sommers, kurze Zeit nach meiner Ankunft in M., als ich mich von einigen Freunden überreden ließ, an einem 6 Festtage der heil. Maria bietet zu gehen, um dem eigen# s thümlichen Treiben der Menge zuzuschen, die hier zu-