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Der

Wanderer.

LellktriftijcheS Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849; M 300.

Die Wallfahrt

(Fortsetzung)

Mit unbeschreiblicher Freude bemerkte der junge Mann, daß Anna, ihn jetzt mit wachsendem Vertrauen, wenngleich erröthend, anblickte, und mit freudigem Herzen vernahm er ihre Erwiderung: Ich wohne in St. Johann, im vierten Hause hinter der Kirche. Doch, wie über ihre eigene Unbescheidenheit erschreckend, fügte sie sogleich hastig hinzu: Aber Sie haben schon so viele Mühe mit mir gehabt, und der Weg ist so weit.. . Nein, o nein.! rief der Fremde hastig. Dies ist keine Mühe, es ist ein Glück für mich. Nein zürnen Sie nicht über mein Wort! Lassen Sie uns jetzt eilen, die Unruhe der Ihrigen zu enden!

Nur halb beruhigt folgte Anna ihm zu ihrer gut­müthigen Wirthin, von der sie unter herzlichem Danke schied, und trat dann allein mit ihrem unbekannten Be­schützer auf die dunkle Straße hinaus. Die Stadt war still geworden, die Klänge der Todtenfeier waren ver­stummt , und einzelne, verspätete Nachtschwärmer aus­genommen, waren die Straßen völlig verlassen. Ein frischer Nachtwind hatte die schweren Gewitterwolken zer­theilt, und die hellen Sterne gossen ihr friedliches Licht üher die Erde aus.

DaS ist eine glückliche Nacht, sagte der Fremde mit weicher Stimme; solche Stunden sind schöner, als die schönsten des Tages. Man sollte sie vorzugsweise wählen, um die Natur in ihren lieblichsten Augenblicken zu belauschen.

Anna, deren zartes Gefühl die freundliche Absicht, die diesen Worten zum Grunde lag, sogleich erkannte, erwiderte dankbar: Sie thun so viel für mich, und thun auf eine so freundliche Weise, daß ich keine Worte zu finden weiß, um auszudrücken, wie sehr ich Ihnen

dankbar bin. Ach, und ich habe sogar noch nicht ein­mal zu Ihnen von der Rettung meines Lebens ge­sprochen, das ohne Sie vielleicht... nein, gewiß verloren gewesen wäre!

Was that ich denn? sagte der Fremde sanft und doch wehmüthig ernst. Nichts, leider, und das ist sür mich eine traurige Wahrheil! Doch ich sollte heiterer zu Ihnen reden, zu Ihnen, deren zartes Wesen dem Schmerze so fremd seyn muß, wie die Unschuld der Reue!

Ich dem Schmerze fremd? fragte Anna hastig und mit bewegter Stimme; aber schnell gefaßt fügte sie hinzu: Man glaubt das gewöhnlich von der Jugend; aber die Augen eines Kindes können Thränen vergießen, eben sowohl, als die starren Züge des Greises von Gram gefurcht werden.

Gewiß, erwiderte der Fremde lächelnd, aber das ist noch kein wahrer, kein liefbegründeter Schmerz, der keine Spuren zurück läßt. Gewiß, Fräulein, Ihr Auge ist noch selten von Thränen verdüstert worden.

Diese Worte sprach der Fremde mehr fragend als mit Bestimmtheit aus, und Anna zögerte einige Augen­blicke, ehe sie ihm antwortete; dann sagte sie im ernsten rührendem Tone: Ich bin eine Waise.

O, versetzte der Fremde mit dem weichsten Ausdrucke seiner männlichen Stimme, es ist schwer, eine Waise zu seyn, es ist Grund genug zum Kummer', selbst für das jüngste und heiterste Herz. Ich bedachte nicht, daß noch anderes Unglück geben kann, als Armuth und Ver­lassenheit.

Armuth, Verlassenheit! rief Anna schnell; dann fügte sie mit fester, ruhiger Stimme bei: Das sind gewiß schwere Leiden für junge, unerfahrene Mädchen.

Zu schwere Leiden! sagte ihr Begleider schwermüthig und langsam. Und doch, Fräulein, sah ich einst ein