Der Wanderer.
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BellettWcheS Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — .1" 898.
Die Wallfahrt
(Aus der Kölner Zeitung.)
Ueber den schönen Domhof in M. schritt eine junge Dame, zierlich und unmuthig im Geschmacke der neuesten Mode gekleidet, und mit einem Antlitze und einer Gestalt, deren auffallende Zartheit und Lieblichkeit das Zeugniß zu geben schienen, daß dieses jugendliche, heitere Wesen bisher noch jeder Sorge, jedem Kummer fremd geblieben sey. Sie war so schön, so blühend, und sie schien so fröhlich, daß, wer sie sah, mit ihrem leichten Schritte und ihrem freundlichen, halb schüchternen, halb sorglosen Lächeln, hätte glauben sollen, die Kindheit und Jugend der schönen Anna seyen völlig verschont geblieben von jeder schmerzlichen Erfahrung.
Als sie sich dem Portale der Domkirche näherte, kam sie an einer Gruppe junger Männer vorbei, die sich dabei unterhielten, unter lautem, fröhlichem Geplauder die vorüberwogende Menge zu mustern; denn es war ein schöner, Heller Sommer-Sonntag, und die Einwohner von M. strömten deßhalb in großer Zahl und im besten Putze dem Gottesdienste in ihrer Hauptkirche zu, wahrend die Müßigen und Gedankenlosen gern diese Gelegenheit zu einem zugleich mühelosen und angenehmen Zeitvertreibe benutzten.
In dem Augenblicke, als Anna schnell an den vorerwähnten jungen Leuten vorüberschritt, stieß einer derselben einen Ruf des Erstaunens aus und that einen Schritt nach ihr hin. Aber sogleich trat er wieder zurück und murmelte unwillig: Es ist nicht, es kann nicht seyn! — und als er bemerkte, daß seine Gesellschafter ihn verwundert anstarrten, fügte er mit völlig wiedergewonnener Kälte hinzu: Nun, was habt Ihr? Ich glaubte eine Bekannte zu treffen und irrte mich. Kennt Ihr diese junge Dame?
Jedermann kennt sie, war die Antwort: daS heißt dem Aeußern nach, denn die Gesellschaften besucht sie nicht. Sie ist die einzige Enkelin einer reichen alten Dame, die vor Kurzem mit ihr hierher gezogen ist.
Einer reichen Dame? Wie heißt sie denn?
Willst du etwa versuchen, Zutritt bei ihr zu erhalten ? fragte der Berichterstatter lachend. Das ist nicht leicht, ja es ist, glaube ich, fast unmöglich. Sie heißt indeß Anna Wollin und wohnt in der Vorstadt St. Johann.
Ich habe an dem Namen genug, es ist nicht die, die ich meine, versetzte der Andere abbrechend und nahm dann scheinbar gleichgültig di/ vorhin geführte Unterhaltung wieder auf.
Der Gottesdienst war beendet, die Menge zerstreute sich nach verschiedenen Richtungen, und auch Anna verließ den Dom, um den Heimweg anzutreten. Es befremdete sie nicht, auf deckt Vorplatze ,'einem jungen Manne zu begegnen, der sie verwundert und beinahe unhöflich anblickte; ihre Schönheit zog ihr manchen langen, bewundernden Blick zu; sie schrieb dies alles, aber, vermöge ihrer Unerfahrenheit und Anspruchlofigkeit dem Umstände zu, daß sie eine Fremde sey.
Tage waren seit dieser unbedeutenden Begebenheit verflossen, und Anna hatte derselben nicht wieder gedacht. Sie bewohnte mit ihrer Großmutter ein schönes, geräumiges Gartenhaus in St. Johann, einer heiteren ländlichen Vorstadt von M., und ihr stilles, sorgenloses Leben floß in glücklicher Einförmigkeit dahin. Sie plauderte und las mit ihrer Großmutter, pflegte die Blumen des Gartens und hielt oft eine zärtliche, kindische Zwiesprache mit einem gezähmten Kanarienvogel, dem einzigen Geschöpfe in ihrer Umgebung, daS gleich ihr jung und fröh, lich war. Denn der ganze Haushalt ihrer bejahrten Verwandten bestand, außer der Großmutter und der En-