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Der Wanderer

BelletriftsschcS Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

1849. .1" 897.

Die Lateiner

(Schluß.)

. Er suchte den Rektor auf seinem Zimmer aus und wurde von dem alten Manne mit gewohnter Herzlichkeit empfangen. Und als er ihm die Geschichte seiner Liebe mittheilte und ihn als einen väterlichen Freund in die Tiefen seines Herzens blicken ließ, so war der gute Mann ganz gerührt über das Vertrauen, das man ihm schenkte und versprach, ihm nach Kräften behülflich zu seyn.

Ich will sogleich zum Bürgermeister gehen, denn man muß daS Eisen schmieden, wenn eS warm ist," sagte er.Ich kenne den Kameraden genau und werde ein schweres Stückchen Arbeit haben. Denn da heißt es" er schmückte seine Rede gern mit Sprüchwörtern und Stellen aus seinen Lieblingsdichtern:

Nimm alle Kraft zusammen, Die Lust auch und den Schmerz!

Denn heute gilts zu rühren

Des Königs steinern Herz."

Indessen nur Muth gefaßt, mein Lieber, es wird schon gehen. Bleiben Sie hier, denn es ist besser, wenn ich allein deö Königs steinern Herz bestürme. Gott sey mit uns, mein Sohn!"

Der Kandidat schwebte zwei bange Stunden zwischen Furcht und Hoffnung. Oft trat er ans Fenster, um nach dem Rektor zu sehen, und- endlich kam dieser die Straße heruntergegangen. Da klopfte dem Jünglinge das Herz und er machte sich auf das Härteste gefaßt. Aber des Rektors Angesicht strahlte vor Freude, und er schloß den Kandidaten mit den Worten:Der Herr hat Alles wohl gemacht!" in seine Arme. Nun ging's an's Erzählen.

Es hatte viele Mühe gekostet, die eisige Rinde des Bürgermeister-Herzens zum Thauen zu bringen, aber der

Rektor fand ihn wenigstens nicht taub gegen vernünftige Vorstellungen. Er hielt ihm eine lange Rebe über die bekannten Worte aus Wallenstein:Der Zug des Her­zens ist des Schicksals Stimme", und es gelang ihm nach mehreren Angriffen auf sein väterliches Gefühl, das auch in dem rohesten Herzen nicht völlig erlischt, ihn zur Ueberzeugung zu bringen, daß Liebe das wahre Glück der Ehe gründe.

Nun", sagte er endlich,weil's sonst ein ordent­licher Mensch ist, so soll er sie haben, wenn's nicht anders ist, und da kann er mir zuweilen helfen, wenn's viel zu schreiben gibt."

Der Kandidat überhörte in seiner Freude ganz diese Aeußerung und dankte dem Rektor unter Thränen für seine väterliche Liebe. Sie eilten in das Haus der Braut und wir wagen es nicht, die Gefühle zu schildern, mit denen der Jüngling seine theure Anna aus den Händen ihres Vaters empfing. Anna wußte nicht, wie ihr ge­schah. Jetzt war ja mir einem Male die Höhe des Glücks erreicht, von der sie schon so lange geträumt hatte, und es waren alle die bangen Besorgnisse ihrer Seele hinweggeräumt. Jetzt durfte sie Viktor zum ersten Male den Ihrigen nennen. Man ließ die Liebenden allein, damit sie sich nngehinderter aussprechen konnten, und eS wurde ein Bund geschlossen, so herrlich ihn die triumphirende Liebe je zu Stande gebracht. Sie vergaßen ganz die Welt um sich, und so kam, ohne daß sie eS merkten, der Abend heran. Und als die letzten Strahlen der untergehenden Sonne erblichen waren, da erscholl aus der nahen Laube des Gartens ein kräftiger Chor. Man sang das alte Lied:Mag auch die Liebe weinen, es blüht ein Himmel doch."

Die bekannten Töne ergriffen wundersam sein Herz. Wie oft hatte er in seiner Jugend dieses schöne Lied ge­hört und auch selbst mit seinen Kameraden gesungen.