Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1849. — M 896.
D ie Lateiner.
(Fortsetzung.)
4.
„Und ist es erst Morgen, so wird es auch Tag,
Denn das Volk muß jederzeit siegen." Herm. Foß.
Der Bürgermeister von Südheim saß gemächlich in seinem Armstuhle und schlürfte seinen Kaffee, während die liebliche Anna in einer Fensternische saß und an einem Kleide nähte. Vielleicht war es ihr Brautkleid. Eine große Bangigkeit hatte sich ihrer Seele bemächtigt, welche zuweilen jener dumpfen Gefühllosigkeit Platz machte, die sich gewöhnlich bei einem unerwarteten Glückswechsel einstellt. Ach! Sie wußte nicht, wie nahe die Hülfe sey, und daß sie bald aus den Händen eines Menschen befreit seyn würde, an den sie nur mit Abscheu denken konnte. —
Ihr Bruder trat ein, und meldete dem Vater, daß einige Lateiner ihn zu sprechen wünschten.
„Was wollen denn die Buben von mir? Sie sollen kommen!" rief er gebieterisch.
Gut, daß eS die Lateiner nicht gehört hatten, sonst hätten sie in ihrer Entrüstung über diese unwürdige Behandlung Sr. Gestrengen bittere Wahrheiten gesagt, und eine mehrtägige Gefangenschaft wäre die Frucht ihres Besuches gewesen, bei dem sie doch so wichtige Dinge zu melden hatten. Denn der Lateiner hält auf Ehre, und wenn er alle Gemeinheiten mit Ruhe anhört, so erträgt er es doch nimmermehr, wenn man ihn mit jenem gehässigen Prädikate beehrt.
Sie traten ein, und nach einigen Kratzfüßen stattete Fuchs Bericht über ihre unterirdischen Forschungen ab. Der erstaunte Bürgermeister glühte vor Wuth über
Schrickel, daß er es als ein Falschmünzer gewagt habe, in eine so ehrenwerthe Familie, wie die seinige, heirathen zu wollen. Er schickte schleunigst den Gerichtsdiener nach ihm ab. „Sapperment, das muß zu den Akten!" rief er einmal über das anderemal aus, und führte schleunigst die Lateiner auf das Rathhaus, um nun seinem gestrigen Berichte über daS falsche Guldenstück den gehörigen Nachdruck zu geben.
Der Gerichtsdiener kam mit der Meldung zurück, daß Schrickel in aller Frühe mit dem Juden abgereist sey. Wohin? konnte Niemand angeben.
Freund Amschel war nämlich in der erwähnten Nacht nicht nach Grimlingen gelaufen, sondern zu Schrickel, um ihn über den Stand der Dinge aufzuklären, und unsere Tausendkünstler, denn sie waren wirklich die Eigenthümer des Höhlen-Ateliers, hatten gerade noch Zeit, um sich aus dem Staube zu machen.
Nun ward die Wuth des Bürgermeisters noch größer, und er brachte die halbe Bürgerschaft in Allarm. Man mußte die Flüchtlinge nach allen Richtungen verfolgen, aber diese waren längst über die Grenze. Man schritt feierlich zur Höhle und förderte ihre seltsamen Eingeweide an's Tageslicht, und dann wurden großartige Untersuchungen in dem Städtchen angestellt. Man sprach in der ganzen Gegend nur von den Falschmünzern, und mancher ehrliche Mann hatte von den giftigen Zungen der Südheimer Sybillen namenlose Leiven zu erdulden.
Der Kandidat hatte durch die Rektor.n Kunde von diesen wichtigen Entdeckungen und zugleich von Schrickels Flucht erhalten. Damit war ein großer Theil seines Grams hinweggenommen und ein schwacher Schimmer von Hoffnung begann wieder in seiner Seele aufzudämmern.
Vielleicht hatte sich der rauhe Sinn von Anna'S Vater geändert und er durfte es eher wagen, ihn mit