Der Wanderer.
BclletnMches BciblaN zur Nassauischen Allgem. Scthnig.
1849. — â 895.
Die Lateiner
(Fortsetzung.)
3.
„Graf Eberstein, Hüte dich fein, Heute Nacht wird dein Schlößlein gefährdet seyn." Uhland.
Die Nacht hatte ihren Schleier über die Erde ausgebreitet und nur selten brach des Mondes Licht durch die Wolken, die sich am Abende des so heiteren Tages am Horizonte gesammelt hatten. Die Bewohner Südheims hatten bereits ihr Lager ausgesucht und die Meisten lagen schon im Arme des Schlafes. Nur Meister Fuchs, der fleißige Onkel Kaspar's, saß noch am Webstuhl. Aber bald ließ auch er sein Tagewerk ruhen und las mit seiner Hausfrau den Abendsegen. Kaspar war schon zu Bette gegangen. Doch hatte er kaum das Lämpchen ausgelöscht, so war Kaspar wieder auf den Beinen. Behutsam stieg er zum Fenster hinaus in den Garten und über den Gartenzaun hinweg, wo seine Gefährten schon bereit standen.
„Recht so ihr Burschen, habt's brav gemacht!" rief er ihnen zu. „Nur vorwärts und kein Wort gesprochen, " damit wir nicht den Bruder Nachtwächter auf den Hals bekommen, der eben in der Rohrgasfe sein Liedchen bläst."
Sie gelangten ungefährdet zum Städtchen hinaus, und schritten schweigend dem Walde zu, nach der Baldrianshöhle, die sie bald erreicht hatten.
„Jetzt frisch an's Werk! Ich glaube gar, es will regnen. Wenn ich nur meine Kapuze mitgenommen hatte. Veil! Du zündest jetzt die Laterne an. Ich will zuerst einmal sehen, ob es in dem Loche sauber ist, und wann ich dem Reisberger pfeife, soll er hinter mir nachkom
men. Du und der Wild wartet hier mit euern Ziegenhainern, bis wir wieder herauskommen."
So kommandirte Fuchs und befahl den Helden strenge Wachsamkeit. Er kroch in die Höhle und nach einer Weile hörte man das bezeichnete Signal, dem Reisberger sogleich Folge leistete. Die beiden andern standen ruhig da und schauten ihren Kameraden nach, bis sie das Licht in der Höhle nicht mehr sahen. Rings umher war eine schauerliche Stille; Regentropfen rieselten zur Erde nieder, und der Wind wehte das Laub von den Bäumen. Da ward ihnen bange um's Herz, und sie wollten fast bereuen, daß sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen hatten. Sie standen unbeweglich da, und Jeder machte sich seine eigenen Gedanken.
„Wie wär's," dachte Wild, „wenn jetzt die Räuber kämen — denn es könnten wohl wieder Räuber in der Höhle seyn — wie wär's, wenn jetzt Räuber kämen und uns umbrächten oder gar gefangen nähmen? Was hülfe es mich, daß ich schon vier Jahre im Teiche schwitze und des Rektors Prügel koste. Habe Den Bröder glücklich durchgebracht, habe den Eornelius Nepos und den Cäsar gelesen, und bin bereits am Ovid. Nun soll ich zuletzt noch todtgestochen werden! Wenn ich nur nicht mit dem Fuchs gegangen! Was hilft mich all' sein Geschwätz von Heldenmuth, wenn mir's an den Kragen geht. Wenn ich nur wüßte, ob der Schmidt mithielte, ich würde auf der Stelle davon laufen."
Aber er wagte eS doch nicht, seinen Leidensgefährten zur Flucht aufzufordern, da er ihn als einen weniger feigen Burschen kannte.
Aber auch unserm Schmidt war nicht ganz wohl bei der Sache. Er hatte zwar schon oft die Stärke seines Arms in Prügeleien erprobt, und sogar dem Fuchs „schon manche saftige hinter die Ohren gehauen", aber noch nie war er bei der Nacht so allein mit einem