Der Wanderer.
Bellctnftijchcs Beiblatt zur Raffauischcn Allqcm.
1849. — JK 894.
DLe Lateiner.
• (Fortsetzung.)
Lassen wir ihn seinen Gedanken nachhängen und uns Fuchs zuwenden, der schon lange den Kandidaten beobachtet hatte. „Es muß ihm Etwas über die Leber gelaufen seyn, sagte er zu seinen Kameraden. Den ganzen Morgen läuft er daher, als wenn er keine Drei zählen könnte. Er hat doch gestern Abend noch so ver, klärt ausgeschen, und wann wir sonst auSgeflogen sind, war er immer kreuzfidel. Heute aber macht er seine Betrachtungen im Stillen, wie ein Maikäfer. Wenn'S nicht der Kandidat wäre, so würde ich ihn für verkeilt halten."
„Ich möchte wissen, in wen?" sagte ein anderer, „für den paßt keine von den Poussagen, wie wir sie zu Südheim haben. Da dürften alle unsre Käthchen und Minchen kommen, sie würden abfahren, wenn sie vor dem Kandidaten Revue passiren müßten."
„Und doch weiß ich eine, die den armen Schelm schon in ihrem Netze hat. Sie soll Anna heißen," be- merkte ein dritter.
„Komm her, mein Freundchen!" rief Kaspar dem Lateiner Wild zu. „Am Enve ist's gar Deine Schwester?"
„Was weiß ich!" erwiederte der Befragte und ging mit Kaspar eilig voraus. Keiner wagte, ihnen nachzulaufen, da sie fürchteten, bei Kaspar in Ungnade zu fallen. Sie konnten von ihrem Geflüster nichts vernehmen und mußten jetzt selbst leiser sprechen, da der Kandidat rascher ging und ihnen auf dem Fuße folgte. Ihre Vermuthungen könnten uns weniger interessiren, als die Aufschlüsse, die Wild seinem Gefährten ertheilte.
„Ich habe schon seit einiger Zeit bemerkt, daß er mit meiner Schwester liebäugelt, und es wird ihr ganz
i wohl zu Muthe, wenn man ihr von dem Kandidaten erzählt."
„Das Ding ist köstlich," meinte Fuchs. Aber höre einmal, Deine Anna kann sich freuen, wenn sie den bekommt."
„Oder er, wenn er sie bekommt."
Schwätze doch kein Blech? Ist das nicht der famoseste Kerl, den ich mir denken kann. Er ist kein Philister, ist schön gewachsen, und wenn's auf den Schulsack ankommt, so weiß er dir mehr als der Rektor und daS ganze Froschthum zusammen."
„Ist aber nicht reich, und deßwegen bekommt er sie auch nicht. Er dauert mich eigentlich; aber meine Schwester ist schon an den Schrickel vergeben, der gestern um sie angehalten hat."
„Der bezapte Kerl, den wir vorhin an der BaldrianS- Höhle aufgejagt haben? Der will Deine Schwester, der bornirte Mensch! Grüß Gott, Herr Schwager!"
„Du hast ganz recht. Ich wünsche den Kerl ins Pfesserland. Aber Du kennst ja meinen Alten. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, führt er es durch, und wenn er Berg und Thal umwenden müßte. Der Mensch ist eben reich, und da muß ihn meine Schwester nolens volens zum Herrn Gemahl nehmen."
„Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei und wär' er in Ketten geboren," sagt Ovid oder ein anderer Dichter aus dem Mittelalter.
„Geh mit Deinen Versen, das sagt ja Schiller," rief Wild lachend.
Meinetwegen! Nur soll der gemeine Kerl Deine Schwester nicht haben. Dein Alter kann sie doch nicht zwingen. Und wenn sie auch der Kandidat nicht bekommt so soll sie doch der Schrickel in Ruhe lassen. Der Kerl hat jeden Tag Geld, aber reich ist er nicht. Ich habe öfters im Städtchen etwas munkelu hören. Entweder