Der Wanderer.
BelletrMchcS Beiblatt zur Naffauischcn Allgem. Zeitung.
1849. — .1" 29S.
D i e Lateiner.
1.
Willst du immer weiter schweifen? Sie' das Gute liegt so nah!"
Göthe.
In einer fruchtbaren Gegend der Rheineb-ene liegt Südheim, ein wenig bekanntes, aber freundliches Städtchen. In der Mitte desselben steht die Kirche, und zu deren Linken das HauS des Rektors, dessen Eingang zwei hübsche Kugelakazien zieren.
Hier wurde es an einem heitern Oktoberabende ungewöhnlich laut. Junge Burschen in Staubhemden und mit grünen Tornistern bepackt, sammelten sich dort, und reichten einander zum freundlichen Willkomm die Hand. Es waren die Schüler des Pädagogiums, die es sich zur hohen Ehre anrechneten, von Sübheims Bewohnern „Lateiner" genannt zu werden. Ihre Herbstferien waren zu Ende, und sie harrten der Stunde, da sie der Rektor, ein gutmüthiger Alter, empfangen, und mit gehaltvollen Worten das neue Schuljahr eröffnen würde. Sie lärmten nicht wenig, und ihre Freude ward Jubel, als ein großer und wohlgenährter Lateiner mit bedeutungsvollen Schritten daher kam. Er trug einen löcherichten Filzhut, einen stark berücksichtigten Sammetrock und Pumphosen, und war, wie natürlich, mit einem gewaltigen Doruprügel bewaffnet. Wer sollte in ihm nicht den „Burschen" erkennen? Es war Kaspar Fuchs, der Liebling der Lateiner. Keiner von ihnen wußte bessere Witze zu „reißen" und keiner war „fideler" als er. War er doch in Gießen zu Hause, und hatte dort im Kinderrocke schon seine Freude an dem schönen Burschenleben gehabt. Gar Bieles hatte er den Studenten abgelernt, und auch selbst manchen tollen Streich auSgeführt, weßhalb er von seinem Herrn Papa nach Südheim gethan wurde, um dort unter der
strengen Aufsicht seines Onkels, eines ehrbaren Leine- Webers, den Wissenschaften obzuliegen. Doch war und blieb er der „freie Bursch", und predigte auch seinen Kameraden täglich von der Erbärmlichkeit des Philister- thums, zum großen Leidwesen des Rektors und seines Onkels Leineweber.
„Prost, ihr Leute!" rief er ihnen entgegen. „Ihr macht ja einen Skandal, als wenn ihr die Cholera im Leibe hättet! Habt ihr noch keinen Burschen gesehen? Da lachen die Kerls jetzt, weil ich nicht so leimsiederisch daher komme, als sie. Wenn ich erst in meinem Paukwichs hergespritzt wäre, wie ich neulich zu Worms her- umgestiefelt bin, — ihr würdet euch auf den Kopf stellen, und mit den Füßen verwundern."
„Da könnte Jever kommen, und uns von einem PaukwichS vorschwâtzen", sagte der Lateiner Wild, der unserm Fuchs meistens Widerpart hielt, aber doch in hohem Ansehen bei ihm stand, da er des Bürgermeisters Sohn war, und vortrefflich „pumpen" konnte.
„Gehe hin," eiferte Fuchs, „und frage die Wormser Frösche; die haben Respekt bekommen, wie sie mich alteS HauS gesehen haben. Das sind noble Leute, die Süd- heimer! haben sie gesagt, und ihr müßt geldfroh seyn, daß ich ihnen nicht gestanden habe, welche krasse Philister ihr seyd."
„Wie der wieder prahlt!" riesen sie im Chore, und einer wagte sogar, einen Zweifel darein zu setzen, daß Herr Kaspar je in WormS war.
„Mit euch ist Hopfen und Malz verloren, ihr ledernen Kerle, ihr —"
Hier wurden sie von dem Kandidaten unterbrochen einem jungen Manne, der mit edlem Anstande aus.deS Rektors Hause trat. Er war der zweite Lehrer am Pädagogium, und brachte den Lateinern nach einer freundlichen Begrüßung die Botschaft, daß der Rektor erst am