Der Wanderer.
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BelletrisIticheS Beiblatt zur Nassauischcii Allgem. Zeitung.
1849. — M 888.
LV Nach Melaten.
A l t k ö l n i s ch e S t ü ck l e i n.
(Fortsetzung.)
Wie Heinrich so sprach, kam der Schüler Gonsalvo eilig des WegeS, rannte unversehens an den Lautenschläger und rief, ohne des Dritten zu achten: Ah Du, Bruder Qualbert? Sag, wie ist'S ausgefallen? Erwies sie sich recht freundlich, hat sie Dich mit einer stattlichen Verehrung bedacht? War's der Mühe werth, daß Du dem vlâmischen Schwamm allen Wein allein ließest?
Der Oberländer wußte nicht recht, ob er die Wahr- heit bekennen oder dem Andern ein Fündlein aufbinden sollte. Er brauchte indessen gar nichts zu sagen. Heinrich streckte nämlich die Arme aus, um Gonsalvo's beide Hände zu fassen und ihm als einem alten Freunde seinen Gruß zu bieten. Des Spaniers böses Gewissen wehrte ihm den Andern zu erkennen, der ja in der That so verändert war, daß er sich bei seiner eigenen Mutter für einen Fremdling hatte auSgeben dürfen. Doch Heinrich ließ nicht ab. Thu nicht so fremd, du fahrender Quacksalber, rief er aus; oder meinst Du etwa, ich trüge Dir nach, waS Du an mir verschuldet? Mit Nichten. Du hast durch thätige Reue deinen Fehler wieder gut gemacht . und gerade noch zu rechter Zeit mich beim Schopf wieder auS dem Sumpfe gerissen, wo hinein Du mich kaum gestürzt. Meine Dankbarkeit ist größer, als mein Unmuth.
Bei diesen Worten fiel dem lateinischen Reisläufer ein ganzes Gebirg vom Herzen, und seine Augen wurden wacker genug, im haarigen Rauhbauz den schmucken Gesellen deS Meisters Robert Stephanus von Paris nicht länger zu verkennen. Mit aufrichtiger Freude schüttelte und drückte er die dargebotenen Hände. Fürwahr, Du
magst mir'S glauben, sprach er dazu, deine großmüthige Verzeihung gibt mir meine Gewiffensruhe zurück, und seit sieben Jahren werde ich nun zum ersten Male wieder ohne böse Träume schlafen dürfen. Rechne dafür auf meine unbedingte Ergebenheit.
Zu welcher Rede Heinrich lächelte, als wollte er sagen: Wir gedenken nächstens zu erproben, ob Du die Wahrheit gesprochen. Doch sprach er weiter nichts, sondern wandte den Kopf zur Seite, von woher er einen derben Fluch in italienischer Sprache vernahm. Die Wälschen haben nämlich von Alters her die böse Gewohnheit, bei jedem noch so geringfügigen Anlaß zu wettern, daß die Here im Schornstein sich bekreuzen möchte, und wenn die Deutschen zu ihnen kommen, so nehmen sie diese üble Weise an. So war auch der Mann, welcher eben sein „corpo bianco di monaca“ herauSge- poltert, kein Sohn der sonnigen Halbinsel, wie die deut, schen Worte beweisen, welche er sofort in der echten und rechten Tonart des Bernerlandes hinzufügte. Gott- wilche, gurgelte er, grüß' Gott, Heinerli, langer Chnecht.
Um seines Aussehens willen hätte der Eidgenoß immerhin einen Wälschen vorstellen mögen. Die stattliche Kriegergestalt trug auf ihren breiten Schultern über dem nervigen Halse ein Haupt mit sonnverbranntem Antlitz von mächtigen, scharfgezeichneten Zügen, mit pechschwarzen Ringellocken und dunkelbraunem Bart, beide von vereinzelten, aber nicht allzu seltenen Silberfâben durchwirkt. Mehr als durch diese Vorboten des Greisenalters, mehr auch als durch die „Hühnertritte" der Augenwinkel, die tiefen Falten der Stirn und andere Anzeichen verriethen sich die sechszig Jahre des edlen Herrn durch sein gar zu buntes Gewand von Sammt und Seide.
Heinrich schlug in die dargebotene Hand. Wie freu’ ich mich, rief er aus, den edlen und. festen Junker Rudi vom Baumgarten wieder zu sehen! Doch schier hätte ich