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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849. M 885.

Pauls merkwürdigste Nacht.

Erzählung von Friedrich Hebbel.

(Fortsetzung und Schluß.)

Paul zog instinktmäßig sein Messer aus der Tasche und stürzte wie rasend fort. Sein Hund, der eine Weile in die Kreuz und Quer gerannt und wahrscheinlich einem Hasen auf der Spur gewesen war, folgte ihm und hatte das Mißgeschick, ihm vor übergroßer Eile zwischen die Beine zu gerathen. Paul stolperte über ihn und wäre fast gefallen.Verfluchter Köter!" rief er aus,morgen ersäuf' ich dich!" Dabei stieß er mit dem Fuß nach dem treuen Thiere, welches eben, um seine Ungeschicklichkeit wieder gut zu machen, schmeichelnd an ihm hinaufsprang. Einer seiner Handschuhe entfiel ihm, er nahm sich nicht die Zeit, ihn aufzuheben, doch der gutabgerichtete Pudel that'S für ihn mit dem Maule. Der Brief flog ihm aus der Jackeniasche, er fluchte, während er sich aber nothge­drungen niederbückte und ihn wieder aufnahm, blickte er zugleich scheu und ängstlich rückwärts, und bemerkte zu seinem Troste, daß dem Verfolger bereits ein sehr be­deutender Vorsprung abgewonnen sey.Im Laufen" dachte er,nimmt's so leicht Keiner mit mir auf; daS wußte der Unhold, darum versuchte er'S, mich durch Rufen zum Stehenbleiben zu verleiten. Ha! Ha! Als ob ich einfältiger wäre, wie ein Hase, der wahrhaftig nicht umkehrt, wenn der Jäger ihm pfeift! Ich weiß gar nicht, warum ich die Pfeife nicht wieder anzünde, schon sehe ich die Thürme der Stabt!"

Der Lange, der eS bemerken mochte, daß Paul nicht mehr so eilte, wie vorher, rief abermals:Heda! So. warte doch!"

Nimmt er nicht," dachte Paul,ordentlich eine fremde Stimme an? Das ist die seinige nicht, die ist

durch den Branntwein längst verdorben. Aber ruf' Du, wie ein Engel ruft, mich fängt man nicht durch solche Künste!"

Immer rüstig vorwärts schreitend, gelangte er bald an das unverschlossene Thor der Stadt. Hier sah er sich wieder um, der Lange war ihm ziemlich nahe, und er konnte im Mondschein deutlich bemerken, daß Spitz, dessen ungewöhlicheS Hin- und Wiederlaufen ihm längst ver­dächtig gewesen war, Jenen liebkoste, an ihm hinauf­sprang und ihm die Hanv leckte.

Bei Gott!" rief Paul grimmig aus und ging in die Stadt hinein,morgen ersäuf' ich den Köter im ersten Wasser, ich glaube, ich schwur's schon einmal!"

Hell brannten die Laternen auf den Straßen, drei bis vier Nachtwächter wanderten umher.Hier ist man mehr als sicher!" dachte Paul uud stellte sich hinter einen Laternenpfahl.Wagt der Gesell sich in die Stadt," dies gelobte er sich feierlich und blickte unver­wandt nach dem Thore zurück,so mach' ich die Wächter auf ihn aufmerksam, das bin ich jedem Schlafenden, den er bestehlen könnte, schuldig!"

In diesem Augenblicke kam der Lange in'S Thor. Paul eilte auf den nächsten Nachtwächter zu und sagte in ängstlicher Hast:Paßt auf den Menschen, der eben die Straße heraufkommt, er ist ein Räuber und Dieb und hat mich über anderthalb Stunden verfolgt!"

Der Nachtwächter zog, ohne zu antworten, eine Pfeife hervor und pfiff, alsbald sammelten sich um ihn seine Kameraden und umzingelten, nachdem er sie in höchster Kürze instruirt hatte, den angeblichen Räuber, ihn mit den sonderbarsten Fragen bestürmend.

Auch Paul trat herzu, wie aber ward ihm, als er in der Person, vor der er, wie vor dem Teufel geflohen war, statt des langen Hanns, seinen guten Freund Jakob einen Schmiedgesellen, erkannte.