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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Naffamschm SlHgcm. Zeitung.

1849. JVs 883.

Paul s merkwiirdigste Nacht.

Erzählung von Friedrich Hebbel.

Die Uhr schlug eben Neun. Paul saß hinter dem Ofen an einem kleinen runden Tische und laS eine Räu­bergeschichte, in deren Besitz er kürzlich auf einer Auktion gekommen war. Wenn er eine Seite des Buches been­digt hatte, befühlte er jedesmal den Ofen und zog die Hand dann kopfschüttelnd zurück; als guter HauSwirth wollte er vor dem gänzlichen Erkalten des OfenS nicht zu Bette gehen, und dieser hielt noch immer einige Wärme fest. Zu seinen Füßen, träge in einen Knäuel zusammen- gerollt und laut schnarchend, lag sein Hund, ein wohlge- nâhrter, weißgefleckter Pudel, der sein Fett weniger der 'Freigebigkeit seines Herrn, als seiner diebischen Ge- wand'theit in Metzgerbuden verdankte. Wenn Paul im Buche an ein Kapitel kam, das ihn wenig interessirte, oder wenn er in die spärlich unterhaltene Lampe, die alle Augenblicke zu erloschen drohte, ein Paar Tropfen Oel gießen mußte, so bückte er sich wohl zu dem Hund nie­der, ließ denselben, vielleicht, weil er ihn um seinen frühen Schlaf beneidete, allerlei Künste machen, Schild- wache stehen, oder den unfreiwilligen Todten spielen, brach ihm zuweilen aber auch ein Stück Brod ab und belohnte ihn damit für seine Folgsamkeit.

Die Uhr schlug halb Zehn. Paul stand auf, um sich zu entkleiden, da klopfte es ans Fenster.

Komm herein," rief Paul, in dem Klopfenden einen Straßenbuben vermuthend , der ihn necken wolle,dann kannst Du hinaussehen!"

Draußen ward gelacht und noch einmal geklopft. Aergerlich bli. Paul die Lampe aus und schlug sein Bett zurück.

Mach' auf, ich bin's!" rief jetzt eine bekannte Stimme.

Du noch, Bruder Franz?" entgegnete Paul,was willst Du denn so spät?"

Verdrießlich suchte er sein Feuerzeug, zündete die Lampe wieder an und öffnete die Thüre.

Du mußt noch zur Stadt," sagte der Bruder ein­tretend und legte einen großen Brief auf den Tisch, wir haben im Amt alle Hände voll zu thun, ich werde die ganze Nacht am Pult zubringen müssen!"

DaS ist nicht Dein Ernst!" versetzte Paul und schaute seinen Bruder mit einem naiven Lächeln an. Er besorgte bei Tage für bas Amt, wo sein Bruder Schrei­ber war, recht gerne einen Brief, denn er erhielt einen guten Botenlohn, aber in der Nacht war das noch nie­mals vorgekommen, und er hatte keine Lust, statt zu Bette zu gehen, im Finstern einen Weg von zwei Meilen zu machen.

Wie sollte eS nicht mein Ernst seyn!" entgegnete der Bruder,mach' hurtig, die Sache hat Eile und kein Augenblick ist zu verlieren!"

Spute Dich, Paul!" ries die Mutter, die einer Er­kaltung halber, schon seit einer Stunde im Bette lag, das kommt uns trefflich zu Statten, denn Morgen ist Markttag!"

Such' Dir einen andern Boten," sagte Paul nach einer Pause halb leise,ich gehe nicht!"

Der Bruder, der sich gefreut hatte, Paul den klei­nen Verdienst zuwenden zu können, wurde gereizt.Du sollst!" rief er mit Heftigkeit,wer das Gelb bei Tage verdienen will, der muß auch Nachts bei der Hand seyn !"

Thu', was Du willst!" erwiderte Paul mit großer Ruhe,eS sollte mich wundern, wenn Du mich so weit brächtest."

Er trat an den Tisch und blätterte in dem Räuber- Romane; mitunter warf er einen scheuen Blick auf den