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Der Wanderer.

Bcketriftijches Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.

1849. JVs 880.

111. Driekes in der Fremde

AltkölnijcheS Stücklein.

(Fortsetzung)

Meine Theilnahme ist darum nicht geringer, sagte Qualbert, nur daß mein Weh sich durch die Entdeckung milderte, wie Gonsalvo's Siücklein sich zu dem meinen so fügsam als Anfang schickt. Paßt nur auf, es wird Euch ebenfalls so vorkommen. Ich nehme den Faden wieder auf. Vorhin schon habt Ihr vernommen, daß mein Meister, der Toletanus, mich zuweilen Nachts in der Straße singen ließ, und die Ursach' konntet Ihr zwei­felsohne Euch von selber einbilden. Toletanus hieß er in der Schule, von seiner Heimach Toledo, sein hispa­nischer Name lautete Don Jean de la Torre vieja. Mein hispanischer Hans vom alten Thurm versäumte weniger als irgend ein Edelmann in der Stadt, sich von der schönen Gabriele sehen zu lassen. Er war ein so statt­licher Herr von blauem Blute, als jemals einer mit Hahnentritten durch die Gassen von Salamanca einher­prunkte, den befiederten Hut auf dem rechten Ohr, den Mantel links auf dem emporgestemmten Ellbogen und auf dem wagerecht ausgestreckten Raufdegen, nicht groß und breit von Gestalt, wohl aber schnellkräftig und ge­lenkig, zierlich von Formen, edel von Zügen. Die bräun­liche Farbe des Antlitzes wurde bleich in der Einfassung von Locken und Bart, welche durch ihren schwarzen Gang des Raben Gefieder beschämten. Doch wenn er auch von außen einem rechten Spaniolen gleich sah, im Herzen war er auf und nieder ein Franzos, und, wie wir daheim von solch einem Glunkhart zu sagen pflegen, ein schönes Weib ihm lieber, als ein ganzes Rheinschiff voll Kapu­ziner. Das Glück der Minne, wie es denn meistens dem Unbeständigen Hold, schien ihm auch im Kreuz von Tolosa zu erblühen. Vor allen Söhnen der Tapfern

Pelayo'S zeichnete ihn die Fremde sichtlich aus durch lächelnden Gegengruß und freundliche Botschaft der Augen.

Auch hob sich, sobald nur meine Stimme der schönen Gabriele bekannt geworden, regelmäßig der Vorhang hinter dem Fenstergitter, wenn wir ein Ständchen brach, ten, bis endlich einmal auch das Gitter selbst sich in den Angeln drehete. Leer war die Gasse, hell schien der Mond, deutlich waren der willigen Hörerin lächelnde Züge zu erkennen. Der Magister brauchte sich kaum erst ein Herz zu fassen, um sic anzureden. Er that eS mit aller angebornen Gluth und allem angelernten Feuer. Aber los gritos, los solipos, los gemidos und los sospiros, nämlich Schreien, Schluchzen, Aechzen und Seufzen der schwungreichen und thränenfeuchten, der sen, genden und brennenden Liebeserklärung wurden um nichts und wieder nichts verpufft. Ihr müßt nämlich wissen, daß die Französinnen von allen Weibern dieser Welt die einzigen sind, welche immerdar fast zu begreifen ver, schmähen, was sie nicht durch's Ohr verstehen. DaS klare Wort gehört bei ihnen zur Liebe, wie das Wasser zum Brunnen. Die Dame verstand kein Hispanisch, und daS Lateinische kam ihr nicht weniger spanisch vor. Der alte Christ von Toledo hatte aber nichts weiter gelernt, als eben seine Muttersprache und Lateinisch, uneingedenk des großen Wortes, das Se. Maj. unser Kaiser gespro­chen, als er sagte: Der Mensch ist so oft Mensch, als er einer Sprache mächtig ist.*)

Mein schöner Herr, sprach Gabriele, was Ihr mir da sagt, mag allenfalls eine wohlgesetzte Predigt seyn, doch langweilt mich jede Predigt über die Maßen auch dann, wenn ich sie verstehe. Führt Eure Worte ander­wärts auf ihren Stelzen umher, zu mir kommt erst wie­der, wann Ihr zu leisten vermögt, was Euer gutes AuS-

f *) Urkundlich lautet Karl s V. Sprüchlein: Lbomme est autant de fois komme, quil posséde des langues différentes.