Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1849. — M 279.
111, Drickes in der Fremde.
Altkölnisches Stücklein.
(Fortsetzung)
Der schönste Fuß, der jemals eine sterbliche Liebesgöttin getragen, lag ohne Hülle vor meinen entrückten Blicken, ich durfte ihn berühren, ich durfte ihn fassen. Brüder, da zitterte mein Herz und bebte meine Seele, aber fest blieb die Hand. Ich vollführle ein Meisterstück. Herrlich war mein Lohn — ein Blick voll Himmel, Hölle und Fegefeuer zugleich. Wenn der böse Feind einst in der thebanischen Wüste den Menschenverstand besessen hatte, Gabrielens Gestalt anzunehmen und den Einsiedler aus ihren Augen so anzublicken, wie sie damals mich anblickte , fürwahr, er wäre nicht dermaßen mit Schimpf und Schande abgefahren. Von selbiger Stunde an wurde ich zum Eckpfosten unter dem Thorweg der Frau von Salazar, leiblich genährt durch die Brosamen ihres Tisches, gestärkt und erquickt durch den Blick, der zuweilen meinem Gruße dankte, und vollends durch ein Lächeln, das freilich selten genug mich traf. Die Diener und vor allen die Zofen wollten mir wohl; ich leistete ihnen Beistand mit Rath und That, wenn ein Gebresten an sie kam, und dünkte mich auch nicht zu vornehm, allerlei Handreichung zu thun oder Botengänge zu machen. Der Stallmeister bot mir eines Tages eine Stelle unter dem Gesinde mit reichem Lohne und glänzender Livrei, doch konnte ich mich nicht bequemen in solcher Weise die Farben meiner Dame zu tragen. Ich blieb frei in meiner Sklaverei, wie ich glücklich war, ohne zufrieden zu seyn. Welche Qualen ich littt, um nur gegen mich selber meinen Posten zu behaupten, das läßt sich nicht , mit Worten beschreiben. Die Leidenschaft meisterte den Stolz, der sich wie ein Drache unter ihren unbarmherzigen Tritten wand und krümmte. Wie oft fiel mir das Loos, Abends bis
spät in die Nacht oder etwa bis zum Hahnenruf unter dem Thorbogen das Roß eines Besuchers am Zügel zu halten! Von andern Demüthigungen will ich schweigen. Ich ertrug sie nur, weil Niemand sie sah, als Der, welchem nichts verborgen bleibt. Hätte ein Menschenkind meine eitlen Wünsche und meine unberechtigte Eifersucht gekannt, ich würde mich aus Schaam und Schande in mein Rappier gestürzt haben. Das Schlimmste sollte noch kommen. O der unauslöschlichen Schmach! Die Frau, um derentwillen Alle unglücklich waren, und vielleicht am allerunglücklichsten diejenigen, welche sie, wie der Adler die Schildkröte, emporhob, um sie gleich darauf zu stürzen und zu zerschmettern, sie mußte, wie von höllischem Blend- werk bethört, urplötzlich den reichen Hort ihrer Liebe an einen Unwürdigen verschwenden, der ihn verschmähte. Ich habe es mit diesen meinen Augen selber gesehen, und seit ich es gesehen, ist Pasiphae's Leidenschaft für mich keine Fabel mehr.
Wie soll eine Königin nicht ihre Augen auf ein gehörntes Ungethüm geworfen haben, wenn diejenige, zu deren Füßen der ritterliche König Franz und alle seine Tapfern lagen, sich nicht der Laune erwehren mochte, den Gesellen eines Buchdruckers zu lieben? Zweifelt nicht an meinem Worte, ich rede die vollste Wahrheit. Vor sieben Jahren, im Jahre des Heiles 1522, hat sich's in Paris zugetragen, daß die gefeiertste aller schönen Frauen von wahnwitziger Liebe zu einem Gesellen der schwarzen Kunst befallen wurde und sich verschmäht sah. Wie der Handel sich entsponnen , das zu sagen erlaßt mir. Ihr seyd nicht die schöne Königin von Karthago, ich bin kein verliebter Aeneas, dem Ihr gebieten dürftet, „den unsäglichen Schmerz zu erneuen." Ich habe mit Botenlaufen damals die Hölle verdient, wenn nicht die Pein mir angerechnet wird, welche ich dabei ausgestanden. Endlich bethörte Gabriele mich durch süße Blicke, schmeichelnde