Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.
1849. — .1" 871.
Aus einem Pariser Foyer.
(Fortsetzung und Schluß.)
In diesem Augenblicke Kingelte das Glöckchen des Souffleurs für das Nachstück; die Flanneurs eilten auf ihre Sitze, und im ganzen Foyer blieben nur ich, mein schwärmender Deutscher und der dramatische Dichter zurück.
„Sie sind sein Mann", sagte ich leise zu dem Dichter, „stellen Sie ihn Fräulein Rachel vor, Sie werden das Drama machen, wenn es wirklich eines ist, untersuchen Sie also das Terrain."
„Mein Herr", wandte sich dieser an den Fremden, „ich kann Ihren Wunsch erfüllen; ich verpflichte mich so- gar, Ihr Drama zu schreiben, wenn es wirklich tragischen Stoff enthält; erzählen Sie."
„So hören Sie", sagte der Fremde, dessen Blicke nun in einem eigenthümlichen Feuer zu leuchten anfingen. Wir hatten ihn zu dem Kamine hingedrängt, auS dessen Innern die ersten Opfer der naßkalten Jahreszeit eine gelinde Wärme ausstrahlten, und vernahmen Folgendes:
„Ich habe früher gelesen, daß man oft dem Effekte einer einzigen Szene zu Liebe ein ganzes Stück schreibt. Ich trage eine solche Szene in mir, eine hochdramatische, tiefergreifende Szene, wie ich sie wenigstens dafür halte; urtheilen Sie, meine Herren, ob ich übertreibe. In dem österreichischen Korps, das unter den Befehlen des Generals Degenfeld in der Lombardei stand, befand sich ein Artillerie - Hauptmann, den eine Kugel am Tage der Schlacht und der Niederlage Karl Albert's bei Novara niedergestreckt hatte. Sie wissen, daß jener für das Schwert von Italien so verhângnißvolle Tag die Einwohner von Parma zu dem unglücklichen Gedanken verleitete, sich gegen die Oefterceicher zu erklären. Jener
österr. Offizier wurde sterbend in einem Palaste ausgenommen, der dem Orte, wo ihn die tödtliche Kugel zu Boden geworfen, nicht ferne stand. Einen ganzen Monat verblieb er dort; jede Bewegung, jede Weiterbeförderung hätte die Tage seines Lebens in Gefahr gebracht. Die Stadt Parma war in zwei Partheirn getheilt: Die „Herzoglichen" und Die „Albertisten". Die Hauswirthe des österreichischen Offiziers gehörten zur herzoglichen Parthei. Die Tochter des Hauses war sehr schön; er liebte sie; sie erwiderte dieses Gefühl. Was Ihnen weiter erzählen? Durch die aufopfernde Pflege seiner Geliebten dem Tove entrissen, wieder hergestellt, erhielt er Urlaub, reiste ab, und kam nach Mailand ... wo ihn die schöne Lucretia empfing. Diele Liebe,^ auf der die drückende Wucht der Schuld lastete, war nicht glücklich. Der Entführung angeklagt, konnte Frank nicht mehr daran denken, zu seinem Regimente zurückzukehren, und mußte fliehen. — Das Elend starrte ihn mit hohlen Augen an; Unruhe, Gewissensbisse, vielleicht die Entbehrung trafen sein Gehirn, die edelsten Fähigkeiten seiner Seele mit vernichtender Kraft. Ich will mich kurz fassen.
Frank wurde wahnsinnig. Die Mutter Lucretiens ließ der noch immer geliebten Tochter heimlich einiges Geld zustellen. Lucretia liebte ihren Freund leidenschaftlich, italienisch, sie hätte ihr Leben hingegeben, um seine gestörte Vernunft wieder aufzurichten. Sie frug die geschicktesten Aerzte, die berühmtesten Psychologen um ihren Rath; man erklärte ihr, Frank könne gerettet werden, wenn er irgend einen gewaltsgmentzEinvruck, so zu sagen, einen vernichtenden Schlag, der wie ein niederstürzeudes Welter ihn treffen müßte, erfahren würde.
Wenige Tage darauf führte Lucretia, die dieser Gedanke lebhaft beschäftigte, ihren Geliebten auf's Land. Eine Hütte ward von ihr in Feuer gesteckt, und mitten aus den Flammen rief sie ihren Geliebten um Hülfe an.