Der Wanderer.
BellctristiichcS Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1849. — .1? 870.
Aus einem Pariser Foyer.
Es war im Foyer der Komödie frangaife — vor we- nigen Tagen. Man gab die „Adrienne Lecouvreur"; Fräulein Rachel, die jüngst ihren Absagebrief der Welt, d. h. Paris, geschrieben hat, glänzte in der Titelrolle dieses Drama's, und Paris, d. h. die Welt, hatte eine letzte Gelegenheit, der genialen Künstlerin, die, sey es aus weiblicher Eitelkeit, sey es im Gefühle der Ueber- sättigung, das selbst die duftendsten Blumen des Ruhmes wie Gistpilze von sich stößt, wenn sie ihm gleichgültig geworden, einen Schritt gethan hat, den sie wahrscheinlich bald bereuen dürfte — Paris hatte eine letzte Gelegenheit, dem Schoßkinde seiner Liebe und Bewunderung zuzujubeln. Ich befand mich ebenfalls dort, mir zur Seite ein enthusiastischer Freund aus Deutschland, der über dem gewaltig ergreifenden Spiel der Tragödin — die Tragödie seines Vaterlandes vergaß. Glücklicher Freund! Was wird er beginnen, wenn das fait accompli, daß die Rachel Paris verläßt und eine „Reisendin" wird, sich bewahrheitet?
Neben uns, in einem behaglichen, weich gepolsterten Fauteuil, saß noch eine andere Person, fremd, unbekannt, aber im höchsten Grade interessant. Sie wissen, das letzte Epitheton wirb in Paris nicht so leicht einer Persönlichkeit beigelegt. Aber diese Persönlichkeit — es war ein Mann ! verdiente di.ses Beiwort in jedem Falle. Er mochte ungefähr dreißig Jahre alt seyn, mittlerer Statur, beinahe ganz kahlköpfig, das Gesicht jedoch von einem blonden Barte umrahmt, der durch Fülle und Umfang über alle Verhältnisse der modernen Frisur hinausschritt. Das Blond dieses Baries war, um das Signalement ganz vollständig und polizeilich zu geben, von jener Farbe, die wir hier florentinisches Bronce nennen. Das Antlitz tiefbleich, die schwarzen Augen eigenthümlich glänzend,
ja flimmernd; mit einem Worte, es war eine jener anziehenden, ja bezaubernden Persönlichkeiten, die man sehen und wieder ansehen muß; die Blicke solcher Gestalten, wenn sie auf ein anderes Menschenantlitz fallen, treffen es wie ein gewaltiger Stoß; solche Blicke gehen und kommen wie vernichtendes Wurfgeschütz.
Während des ganzen sünsten Aktes und während „Adrienne Lecouvreur" gegen die Wirkungen des Giftes, das ihr gereicht war, ankämpft, bewegte sich der Fremde, denn das war er allem Anscheine nach, unruhig in seinem Fauteuil, murmelte unverständliche Worte vor sich hin, die zuweilen in laute, bewundernde Ausrufe übergingen, und Alles an ihm zeigte tiefe Erregtheit, die sich jn ihren Ausbrüchen kaum zurückhalten ließ. In dem Momente, wo der Vorhang über dem tragischen Tode der Geliebten des Herzogs von Kurland fällt, ein tiefergreifender großer Moment der genialen Künstlerin, stand der kahlköpfige Fremde mit dem broncefarbenen, unsyme- trischen Barte rasch auf und wandte sein Antlitz gerade uns zu.
„Sagen Sie mir die Adresse des Fräulein Rachel," sprach er ziemlich geläufig französisch; „es ist mir sehr darum zu thun, sie zu wissen."
Diese Worte waren in jenem Tone gesprochen, der die Mitte zwischen Befehl und Wunsch hält und gewöhn- lich den Angesprochenen imponirt.
Die Adresse von Fräulein Rachel! Weder ich noch mein enthusiastijcher Freund aus Deutschland kannten sie, und woher auch? Wir wußten sicherer, wo sich in diesem Augenblicke Brentano und Struve befanden, oder welche Appartements der gestürzte Agitator Ungarns in der türkischen Festung Widdin bewohnte, als wir das Boudoir selbst der gefälligsten Schauspielerin vom Theâtre Vaudeville anzugeben wußten. Ich wollte dies dem Fremden scherzend bemerken, aber ein Blick auf sein ernstes