Der Wanderer.
BelleNMchcS Beiblatt zur Naffamschm Allgem. Zeitung.
1849. — M 865.
Koffntk von einem Rabbi gesegnet.
tFortsetzung und Schluß.)
Kossulhs Vater war Advokat und wohnte in einem nördlichen Komitatc Ungarns, wo die aus Polen herübergewanderten Juden angesiedelt sind. Man findet die Sekte der Chaßidin, und die langen Talare, Pelzkappen, Ringellocken und andere Aeußerlichkeiten unterscheiden nicht blos die fremden von den einheimischen, sondern auch die bigotten von den etwas minder orthodoxen Juden. Gegen den weit und breit im Gerüche besonderer Frömmigkeit und Heiligkeit stehenden Rabbiner zu Aphely führte Kossuth einen ärgerlichen Prozeß. Der Grund desselben ist unbekannt; er dauerte aber, wie gewöhnlich in Ungarn hartnäckig betrieben, lange, und eS starben im Laufe dieser Zeit-zwei Söhne des Advokaten und endlich er selbst. Die abergläubischen Juden sprengten nun aus, das sey der Fluch des Rabbiners, und selbst die Katholiken und Kalviner bekamen einige Scheu vor der Macht des jüdischen Geistlichen, zu dem Kranke und Preßhafte aller Konfessionen strömten, um sich durch seine Wunderkrast heilen zu lassen. Der Rabbi genoß großes Ansehen, er war ein kluger und erfahrener Mann, und benutzte den Glauben seiner Stammgenossen und der unkultivirten Umgegend wie die Wundermänner anderer Religionen. Des Advokaten Frau fürchtete, daß auch ihr letzter Knabe, Ludwig Kossuth, dem Fluche des Rabbi verfallen sey , und das Mutterherz trieb sie hin zu dem bärtigen Manne, um Vergebung zu bitten für die Unbill, welche ihr Mann ihm angethan. Der Rabbiner , dessen Ansehen und Einfluß durch einen solchen Vorfall gewinnen mußte, war leutselig und zuvorkommend, und der greise Priester brachte es durch dieses Benehmen dahin , daß die Kalvinistin um seinen Segen bat für ihren Sohn. Der kluge Rabbi zögerte zu will
fahren; er betrachtete den Knaben und unterhielt sich mit ihm. Geist und Lebhaftigkeit zeichnete schon damals das Kind aus, und mehr als dies mag vielleicht der Umstand auf den Rabbi gewirkt haben, daß Ludwig nicht mit Hohn und Mißachtung auf die fremdartige Umgebung blickte und noch nicht jene Scheu zeigte, die nahe an Abscheu grenzt. Wir wollen das Ausmalen dieser Seelenzustände eines klugen Rabbi, einer beängstigten Mutter und eines geistvollen Knaben einer dichterischen Feder überlassen; die Thatsache ist, daß der Rabbiner seine Hände auf den Kopf des Kindes legte, und ihn segnete. Für ein so großes Ereigniß wurde dies in jener Gegend betrachtet, daß die Kossuih'sche Familie den vom Rabbi zitirten Psalmenspruch sich notirte: Ps. 60, V. 6. Na- tata l’ejericba nes lehisnoses mipné Koschel sela. Deutsch: Du verleihest deinen Frommen ein Panier, um damit zu glänzen ob der Wahrheit willen.
Der Rabbiner wählte diesen VerS wegen des Wortes „Koschel.11 Man kennt diese Wortklaubereien und peripathetischen Spitzfindigkeiten der Talmudisten. Koschet heißt Wahrheit, aber die Auslegungsbeflissenen schoben den Sinn unter: Du verleihest deinen Auserlesenen ein Panier, um damit zu glänzen ob Kossuth's Willen (sprich Koschut).
Diese philologische Unrichtigkeit that dem Segen und seiner Bedeutung bei den Israeliten keinen Abbruch. Der Aphelyer Rabbi hatte dem Knaben noch dazu eingeprägt, nicht feindlich zu seyn gegen die armen Juden, und Lud- wig Kossuth zeichnete sich sogar in der Schule durch Toleranz aus. Diese kleinen Züge und da er wirklich am Leben blieb, gaben den Worten des Rabbi noch mehr Gewicht.
Als Ludwig Kossuth seine größere politische Wirksamkeit begann, äußerte er sich in liberalem Sinne über die Verhältnisse der Juden, und in der letzten Zeit suchten die