Der Wanderer
SellctrWchcs Beiblatt zur Nassauischen.Mgem. Zeitung
1849. — .M 864.
Sophie Schröder.
(Schluß.)
Als eine kurze Episode in dem Leben der leidenschaftlichen, leicht entzündbaren Frau erscheint ihre Verbindung mit dem bekannten Schauspieler Kunst, der damals mit einer reichen physischen Ausstattung, aber wenig geistiger Befähigung wie ein Meteor an dem Büh- nenhorizonte auftauchte. Diese Ehe wurde nach kurzem Bestehen wieder gelös't und ein Zerwürfniß mit der Direktion trieb Sophie Schröder zu dem allerdings übereilten Schritte, das Burgtheater zu verlassen und mit ihren Söhnen inS Ungewisse hinauszuziehen. Sie rechnete auf ihre Kraft, auf ihre Genialität, auf ihren Ruhm. Allein sie verrechnete sich. Eine Reise nach Rußland brachte ihr nicht den gehofften Erfolg. Einen harten Winter brachte sie auf dem Wege nach Moskau zu. Enttäuscht i»nd niedergebeugt kehrte sie nach Deutschland zurück und gab Gastrollen bei mehreren Theatern; zwar stets mit dem vollsten Beifall gelohnt, jedoch ohne eine bleibende Stätte zu finden. Der Reiz der Jugend war von ihr gewichen, die bestechende äußere Form wurde vermißt; allein die vulkanische Leidenschaft, der großartige Ausdruck, den sie derselben zu geben verstand, eine dämonische Kraft, die sie in Stellung und Geberden entwickelte, daS war ihr geblieben. Nachdem ihre Versuche, mit der Direktion des Wiener Burgtheaters wieder ein Verhältniß anzuknüpfen, vollständig gescheitert waren, gelang es ihr endlich nach einem Gastspiele in München, durch den kunstsinnigen König Ludwig von Bayern eine feste, eine lebenslängliche Anstellung daselbst zu erlangen. Sie war damals schon in den Fünfzigen. Nur wenige Jahre waren ihr noch verliehen zur Ausübung ihrer Kunst. Als Urban gestorben war, die Hagn München verlassen hatte, Eßlair'S Stern unterging, da trat auch
nicht lange darauf die Schröder ab und das Hoftheater in München hatte seinen höchsten Glanz verloren.
Sophie Schröder zog sich nach Augsburg zurück, wo ihr ältester Sohn als Offizier in Garnison war, und trat nur noch bei außerordentlichen Gelegenheiten vor dem Publikum auf. Bald lebte sie nur noch in der Erinnerung der älteren Theaterfreunde, und erst die falsche Nachricht ihres Todes brachte wieder ihren einst so gefeierten Namen unter die Leute, und deutete auf den Ehrenplatz hin, den er für alle Zeiten in der Geschichte dramatischer Kunst einnehmen roiro: Diese Stelle ist ihr gesichert über dieses Leben hinaus. Zu einer Analyse ihrer Leistungen ist hier nicht der Moment gegeben; sie ist in umfassenden Artikeln des Tages zu finden, und wird sicherlich auch noch später erfolgen. Es sey uns hier nur gestattet, einige Züge zu der Charakteristik ihres Spieles zu liefern. Sophie Schröber's Kunst war in vollstem Sinne großartig zu nennen. Der Ton ihrer Stimme war voll Schmelz; sie konnte wahrhaft flöten, wahrhaft donnern, und blieb sich während der stärksten Rolle von Anfang biö zu Ende gleich. Sie besaß die Kunst, ihre Kraft zu berechnen und ihre Lunge nie übermäßig anzustrengen. Sie wußte vortrefflich zu artikuliren. Sie arbeitete geschickt mit den eigentlichen Sprechwerkzeugen, und schonte dadurch ihre Respiration. Daraus entstand nun freilich in ihrer spätern Zeil eine eigenthümliche Bewegung der Muskeln um den Mund, welche fast zu gewaltsam erschien. In der ruhigen Rezitation war sie manchmal zu feierlich und deklamatorisch; wenn aber die Leidenschaft hervorbrach, dann erhob sie sich zum höchsten, hinreißendsten Ausdruck derselben. Sie war rührend und erschütternd, letzteres bis zum Schreckhaften. Ihre Stellungen beherrschte sie mit schöner Berechnung; auch in den gewagtesten überschritt sie nie die Grenzlinie des Schönen. Stets waren sie malerisch; das Mantel-